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der Rassen mitgewirkt hat. Damals müssen also auch „erworbene Eigen-schaften“ sich vererbt haben.
Ein Gleiches für die historische Zeit anzunehmen, wird uns schwer. Wasuns als Beweismaterial angeboten wird — etwa die Entstehung eines„Indianertyps“ unter der weißen Bevölkerung der Vereinigten Staaten —läßt uns unbefriedigt. So werden wir für unsere Zeit uns lieber die Hypothesezu eigen machen, daß der einmal gebildete Rassentyp unveränderlich undals selbständige Variable in die Rechnung einzusetzen ist, daß es somit, wieder „Milieu-Theoretiker“ Taine es ausdrückt 237 ): „une soliditö presqueinöbranlable des caracteres primordiaux“ gibt.
Die Frage: ob „erworbene Eigenschaften“ (in historischer Zeit) vererbenoder nicht, hat von jeher die Forscher in zwei feindliche Gruppen gespalten,von denen die eine Gruppe die Frage bejaht, die andere sie verneint. Inden Anfängen überwiegt wohl die Zahl der Anhänger einer Vererbbarkeits-hypothese. Ihre Reihe umfaßt die besten Namen und reicht von Ilippo-krates und Aristoteles bis Buffon, Lamarck, Wilhelmvon Humboldt. Einer der ersten, die sich grundsätzlich gegen dieVererbbarkeit erworbener Eigenschaften aussprach, war Kant, dem in derneueren Zeit immer mehr Forscher gefolgt sind.
Heute neigt sich wohl die Waage zugunsten der Gegner der Vererbbar-keitshypothese oder, wie es in der neuen Terminologie heißt: zugunsten derAnnahme einer Unbeeinflußbarkeit des Idioplasmas durch Milieu (sog. Modi- 1fikation) 238 ).
In zweifelhaften Fällen wird man immer finden, daß der angenommenenGewohnheit eine natürliche Anlage zugrunde lag, so daß man sich jedesmalfragen kann, ob es wirklich die vom Soma des Individuums erworbeneGewohnheit ist, die sich forterbt oder nicht viel mehr eine natürliche An-lage, die früher ist als die angenommene Gewohnheit. Ist der Maulwurfblind, weil er im Dunkeln lebt oder lebt er im Dunkeln, weil er augenkrankwar 230 ).
Deshalb soll man auch nicht eine Spaltung der Eigenschaften vornehmenin solche, die durch die Erbmasse und solche, die durch die Umwelteinflüssebedingt sind. Alle Eigenschaften, dürfen wir annehmen, entstehen in derWechselwirkung zwischen Erbmasse und Umwelt. Alle setzen Anlagenoder Angelegtheiten im Organismus voraus, und alle Anlagen bedürfen zuihrer Entfaltung der Umwelt 240 ).
Wir werden deshalb auch, wenn ich in folgendem noch weitere Einflüsseder Umwelt auf das Gehaben der Menschen feststelle, vorsichtig sein müssenund solche Einflüsse auf die Gestaltung des Phänotyps beschränken, ohnedie Frage der Vererblichkeit aufzuwerfen.