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Nachdem wir solcherart unser Gewissen salviert haben, fragen wir ruhigweiter:
c) Welche Wirkungen der Umwelt auf die Herausbildung be-stimmter seelischer Eigenschaften, insbesondere die Entwick-lung der verschiedenen Vermögen des Menschen lassen sich wahrscheinlichmachen?
Daß es jemals möglich sein wird, grundsätzlich festzustelleu, welche Seitender menschlichen Seele beeinflußbar sind durch die Umwelt, welche nicht,halte ich für unwahrscheinlich. Wir werden uns deshalb w'ohl für alleZeiten mit kasuistischen Feststellungen oder besser: Fragen begnügenmüssen, nach Art der folgenden:
Hat das trockene Wüstenklima Einfluß auf die Herausbildung einerscharfsinnig-intellektuellen Begabung — der klare Sternenhimmel gibt zumZählen Anlaß! — hat die Limpidezza der Mittelmeerländer Anteil an derClartö des Denkens der sie bewohnenden Völker und auf der anderen Seite:ist das verträumte, gemütstiefe Wesen der nordischen Waldvölker undderen Vorliebe für das Nebelhafte, Zwielichthafte, ist „die tiefe, deutscheUnklarheit“, die Fichte pries, klima- und landschaftsbedingt?
Ist die starke Entwicklung der Phantasie bei den Tropenvölkern ein Aus-fluß ihrer Umgebung? Ist die Beobachtung richtig, daß alle Hochlandsvölker«inen Vorrang in dem Reichtum der Phantastik vor Flachländern haben 241 )?Sind die Kampfeslust, die Energie, der starke Willensimpuls Eigenschaftender Völker, die in nordischen Klimaten groß geworden sind, wie die Milieu-theoretiker der früheren Zeit mit Vorliebe behaupteten?
Man möchte manche dieser Fragen bejahen und neigt noch mehr dazu,wenn wir nun in der folgenden Frage das noch viel tiefer reichende Problemberühren:
d) Welchen Einfluß hat die Umwelt auf die geistigen Haltungender Menschen und somit letzten Endes auf die Gestaltung der objektivenKultur?
Eine offen zutage liegende Beziehung zwischen Milieu und Kultur habe ichschon in einem anderen Zusammenhänge berührt: als ich die Umweltbestand-teile als sachliche Elemente des Völkeraufbaus zu würdigen versuchte: siehe(das 23. Kapitel II.* Waren dort die Beziehungen mehr äußerlicher Art, sosoll hier noch — mit aller Vorsicht — auf eine Reihe möglicher, vermut-licher, wahrscheinlicher Beziehungen innerlicher Natur hingewiesen werden,■die wir zwischen den Bestandteilen der geistigen Kultur und bestimmtenUmwelteigenarten feststellen können.
Schon frühzeitig hat man die Gestaltung des religiösen Lebens in•den verschiedenen Ländern mit deren Natur in Zusammenhang gebracht 242 ).