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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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So hat man das Übermaß des Aberglaubens in den tropischen Ländern selbstbei Kulturvölkern wie den südamerikanischen oder indischen aus der Fülleschreckender Naturerscheinungen wie Erdbeben, feuerspeiende Berge, wildeTiere, verheerende Krankheiten (die meisten solcher Krankheiten wie diePest sollen erst im ersten oder zweiten Jahrhundert n. Chr. aus jenenGegenden nach Europa gekommen sein) abzuleiten versucht. Und wie dieReligionen, so die Mythologien! Das ist sogar ein sehr sympathischerGedanke: daß die Mythologien jener tropischen Völker auf dem Schreckenaufgebaut, ihre Götter und Helden Scheusale mit vielen Köpfen und Armen,Ausgeburten einer mit Schrecken erfüllten Phantasie,unmenschlich sindund daß erst die europäischen Mythologien griechische, wie nordischemenschliche, versöhnende Gestalt gewannen. Erst in Europa entsteht derHeroenkult, die Vergottung des sterblichen Menschen, der die Natur be-zwingt: Herakles ! Siegfried! Dieser sieghafte Held fehlt in einer Natur, dieübermächtig ist.

So können wir ganz allgemein feststellen, daß in Europa alles daraufgerichtet ist, die Würde des Menschen zu erhöhen, in den Tropen ihn herab-zudrücken. Auch die bildende Kunst und die Baukunst erreichen erst inEuropa das hohe Maß von Freiheit und Harmonie, das auf der Herrschaftdes Geistes über den Stoff beruht. Und innerhalb Europas ergeben sich indiesem Bereiche wesentliche Unterschiede, die offenbar auf das Klima zu-xückzuführen sind und mit irgendwelcherrassischen Eigenart nichts zudun haben: das Klima nämlich entscheidet darüber, ob die menschlicheGestalt dem Künstler nackt oder bekleidet gegenübertritt: der Süden stelltmit der menschlichen Gestalt, der Norden mit geometrischer Zier dar 243 ).Eine Dürer seheMelancholia hätte wohl nie aus rein äußerlichenGründen in einem südlichen Lande entstehen können.

Und ganz ähnlich wie mit der bildenden Kunst verhält es sich mit derDichtung. Auch hier in den Tropen ein Überschwang der Phantasie beivölligem Schwund der Ratio (selbst bei arischen Völkern); auch hier er-scheint erst im Okzident die Harmonie, das Gleichmaß der menschlichenVermögen.

Empfange:

Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit

Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit! ...

Aber auch im einzelnen wieder ergeben sich innerhalb der europäischenDichtung greifbare Unterschiede. Die nordische nicht zuletzt die deutsche Dichtung ist aus dem Helldunkel geboren, wie es in einem wald- undwasserreichen Lande herrscht und wie es unter einem südlichen Himmel nur