Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
428
Einzelbild herunterladen
 

428

die Antwort nur lauten: herzlich wenig. Wohl kaum mehr als die Menschenim 16. Jahrhundert.

Dort, wo uns stattliche Zahlenreihen als Ergebnis mühseliger Forschungentgegentreten und in uns den Eindruck erwecken: hier habe man eineinwandfreies Wissen zu Tage gefördert, erkennt man sehr bald, daß dieeigentlichen Vererbungsprobleme durch die ziffernmäßige Feststellung ganzund gar nicht geklärt sind.

Da haben wir die Reihe musikbegabter Männer in derselben Familie,etwa der Bachs 250 ). Was lehren sie uns? Nun eben die Tatsache, daß essechs oder sieben musikalisch überdurchschnittlich begabte Bache gegebenhat, aber nichts mehr. Ob diese vielen musikalischen Genies ein Spiel desZufalls gewesen sind, wer möchte es entscheiden? Ob die musikalische Be-gabung durch Vererbung übertragen wird und wenn schon: wie: auf dieseFragen bekommen wir keine Antwort. Zu mehr als zu Vermutungen gelangenwir nicht.

Wenn G a 11 o n den ziffernmäßigen Nachweis erbrachte, daß in der eng-lischen Gentry mehr Notable sich nachweisen ließen, als im Durchschnittdes Volkes, so beweist das vielleicht nur, daß die Chancen des Aufstiegsin der herrschenden Kaste zu seiner Zeit größer waren als im Bauern- undHandwerkertum oder in der Arbeiterschaft. Sonst nichts.

Wenn uns zahlreiche Enqueten den Nachweis erbringen, daß die Schul-zeugnisse und Intelligenzteste der Kinder höherer Schulen besser ausfallenals die von Volksschülern, so kann das seinen Grund haben ebenso in derVerschiedenheit der Umwelt, als in der Verschiedenheit der Begabung.

Manche Untersuchungen bringen uns den Nachweis, daß irgendeine vonuns angenommene Tatsache mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt 260 ).Das ist dann ein Optimum-Erfolg der Wissenschaft, wenn sie uns zeigt, daßwir noch weniger wissen als wir geglaubt hatten.

Damit wird aber der Mythologie wieder freie Bahn geschaffen, was viel-leicht auch einen Gewinn bedeutet. Wie sich Vererbungsmythe in anmutigerForm ausnimmt, möge folgendes Spezimen erweisen, bei dem es sich umdie erbbiologische Ableitung der musikalischen Begabung bei den Germanenhandelt.

Nach Albert Reibmayr 261 ) liegt die Sache so: Die Germanen warensehr gemütstief, deshalb liebten sie den Wald und die Singvögel.DasFangen der Singvögel durch Nachahmung des Gesanges mußte nach undnach auch die musikalische Grundlage zum musikalischen Ohr legen unddie Freude am menschlichen Gesang unterstützen ... Ein glücklicher Zufall