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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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gischen Einsichten gelangen: sie verfehlen aber das Problem, das eine besondereBehandlung verdient, das Problem des kollektiven Verhaltens der Menschen.

Das gilt von dem größten Teil der neueren, deutschen Literatur, die die WorteMasse im Schilde führt, wie etwa in den folgenden Werken: Gerh. Colin, DieMasse; im Archiv für Sozialwissenschaft, Band 52; Paul Tillich, Masse undGeist, 1922; Th. Geiger , Die Masse und ihre Aktion. Ein Beitrag zur Sozio-logie der Revolutionen (!) 1926; Wilh. Vleugels, Die Masse, 1930; dazuwiederum: Th. Geiger , Eine neue Massentheorie in den Kölner Vierteljahrs-heften für Soziologie, Band X.

Mehr das Mengenproblem im Auge halten die Schriften von K. Ba schwitz,Der Massenwahn, 2. Aufl. (Anfang der 1820er Jahre); S. Freud , Massenpsycho-logie und Ich-Analyse, 1921; F. Tönnies , Die große Menge und das Volk inSchmolle rs Jahrbuch, Band XL1V; vor allem aber auch die wie mir scheintbeste Darstellung des Gegenstandes nach Le Bon: Das Buch des Husserl -Schülers Georg Stiele r, Person und Masse. Untersuchungen zur Grund-legung einer Massenpsychologie, 1929.

Der andere Übelstand, der sich an unserer Literatur bemerkbar macht, ist der,daß das Problem derMasse und der Massenpsychologie zum Streitgegenständeder politischen Parteien geworden ist. Während in den älteren Schriften, nament-lich denen Le Bons, die moderne,revolutionäre Masse, auf die man in ersterLinie exemplifizierte für den Franzosen insonderheit ist der gesamte Problem-komplex, der dieMasse und ihre Psychologie umfaßt, ohne weiteres an diegroße Revolution und die Schandtaten des Pariser Mob geknüpft wenig Gegen-liebe fand (grundlegend bleibt hier die Auffassung T a i n e s), erstanden, nament-lich in Deutschland und den noch östlicher gelegenen Staaten nach den Revolu-tionen von 1917 und den folgenden Jahren in marxistischen bzw. kommunistischenKreisen Schriftsteller, die sozusagen eine Ehrenrettung derrevolutionärenMassen sich zur Aufgabe machten. Zu ihnen gehören von den oben genanntenSchriften z. B. Colm, Tillich , Geiger. Daß diese Parteinahmefür odergegen den Gegenstand der Untersuchung deren wissenschaftliche Ausbeutenicht förderte, liegt auf der Hand.

98 ) Siehe z. B. die Schrift von Hans Plischke , Joh. Fr. BlumenbachsEinfluß auf die Entdeckungsreisenden seiner Zeit, 1937, in den Abhandlungender Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen . Phil. hist. Klasse,3. Folge, Nr. 20.

") (Castilhon), Considerations sur les causes physiques et morales de ladiversite du genie, des moeurs et du gouvernement des nations, 1769.

10 °) Der Zustand, der heute im Bereiche der Ethnographie oder Ethno-logie herrscht, ist der übliche: Verwirrung.Krisis hier wie in allen Wissen-schaften. Was uns an diesen Problemen interessiert, ist folgendes: die Scheidungder Disziplin in zwei Teile: einen theoretischen, allgemeinen und einen empi-rischen, besonderen mit den beiden Benennungen: Ethnologie und Ethno-graphie, in meiner Sprechweise also Volkskunde und Völkerkunde setzt sich all-mählich durch. Während noch Th. W a i t z, Friedrich Müller u. a. diebeiden Ausdrücke, Ethnologie und Ethnographie promiscue verwendeten, be-nutzen sie jetzt in dem bezeichneten, verschiedenen Sinne Fr. Ratzel, H e i n r.Schurtz, Max Schmidt u. a.