Druckschrift 
2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
Entstehung
Seite
25
Einzelbild herunterladen
 

Entartung der Wchrverfassung

25

durch Abkommandierung von Linienosfizieren, namentlich der Kompagnie-führer, abzuhelfen. Aber deren Zahl war eine verhältnismäßig zu geringe,um der ganzen Masse einen wesentlich veränderten Wert zu verleihen.

Trotzdem lebte die Landwehr vom alten Ruhme der Befreiungskriege.Wo sie erschien, wurde ihr Lob gespendet. In den beiden ersten Kriegs-ministern Boyen und Hake, bei denen das Andenken der letzten Feldzügenoch sehr lebendig war, fand sie energische Verteidiger. Müffling erklärteals kommandierender General des VII. Armeekorps sogar, für seine Land-wehr die Linienoffiziere entbehren zu können. Man wagte nicht Hand aneine Einrichtung zu legen, die fo viel gute Früchte für das Vaterlandgetragen hatte, obwohl ihre Mängel allmählich offen zutage traten. Ihrerprivilegierten Stellung im öffentlichen Leben sich wohl bewußt, trat dieLandwehr gelegentlich sehr eigenmächtig auf und gewährte kein vorteilhaftesBild preußischer Mannszucht. Und doch sollte sie bei Kriegsausbruchimmer noch in unmittelbarer Verbindung mit der Linie sogleich ins Feldrücken die Kavallerie auf, von den Kreisen bereitgestellten, Pferden.Als der König einmal bei Trier in Gegenwart fremder FürstlichkeitenRevue über Landwehrtruppen abhielt, fand er sie zu seinem Unmut ineinem so wenig erfreulichen Zustande, daß er seinen zweiten Sohn, denPrinzen Wilhelm, der sich schon in jungen Jahren als besonders tüchtigerSoldat und Truppenerzieher bewährt hatte, nach Köln voraussandte, wodie nächste Revue stattfand, um dort vor deren Beginn wenigstens einigeOrdnung herzustellen.

Die Rekruten kamen damals am 1. April zur Truppe und mußten bisEnde Mai fertig ausexerziert sein. Dann blieben noch nahezu drei Mo-nate für das Kompagnie -, Bataillons-, und Regimentsexerzieren. ZurKönigsrevue bekamen die Kompagnien je 30 Kriegsreserverekruten. Fürdas Sparsamkeitssystem der Zeit ist es bezeichnend, daß sie die Beinkleidervon Hause mitbringen mußten und von der Truppe nur Rock und Mützeerhielten; denn die Diensthosen wurden auf den geringen Winter-Mann-schaftsstand der Truppen berechnet, sollten jedoch für das Ganze ausreichen.

Es folgten die Herbstübungen, zum Teil in Verbindung mit der Land-wehr. Zu den Brigadeexerzitien und Übungen wurde meist ein Linien-und ein Landwehrregiment der gleichen Nummer zusammengestellt. DiesVerhältnis blieb auch während der Divisions- und Korpsübungen bestehen,die sich übrigens auch nur als ein Exerzieren im großen Maßstabe voll-zogen, ebenso während der Königsrevue. Dann rückte die Landwehrab. Das Armeekorps bestand bis zum Schlüsse nur noch aus zwei ge-mischten Brigaden, die sich durch Zerlegung der Infanterie in kleine Ba-