Der Gasteiner Vertrag
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hoben, hatte inzwischen umsichtig die internationale Lage für den Kriegsfallgeklärt. Mit Napoleon III. , dessen Tatkraft seit einigen Jahren durchfrühes Altern, ein quälendes Leiden und das Mißgeschick, das ihn seit derEroberung von Nizza und Savoyen verfolgte, nachzulassen begann, hatteer sich bei einem Besuche im Seebade Biarritz am Pyrenäenfuße verständigt.Des Kaisers Einmischung war zunächst nicht zu erwarten. Die Beziehungenzu Italien wurden enger geknüpft, ein Handelsvertrag geschlossen. Deritalienische General Govone erschien in Berlin ; Verhandlungen wurdenmit ihm angeknüpft.
Am 16. März fragte Österreich infolge dieser Vorgänge in Berlin an,ob Preußen gesonnen sei, den Gasteiner Vertrag gewaltsam zu durch-brechen, und benachrichtigte die übrigen deutschen Regierungen, daß es ge-sonnen wäre, im Falle einer ungenügenden Antwort, beim Bunde dieMobilmachung gegen Preußen zu beantragen.
Nun antwortete Preußen mit dem lange gehegten Plan einer gründ-lichen Bundesreform, die allein Klarheit schaffen könne, und fragte diedeutschen Höfe an, inwieweit es bei einem Kriege gegen Österreich aufihre Unterstützung rechnen könne? Am 29. März wurden die ersten kriege-rischen Vorkehrungen getroffen und am 8. April das Bündnis mit Italien geschlossen.
Am Tage darauf stellte Preußen beim Bundestage den Antrag aufEinberufung eines nach allgemeinem gleichen Stimmrecht erwählten Par-laments, das über die von den Regierungen zu vereinbarenden Vorlagenfür die Vundesreform beraten sollte. Große Erregung folgte in ganzDeutschland. Der Streit über den Besitz von Schleswig-Holstein war vonnun ab auf das Gebiet der entscheidenden deutschen Frage versetzt.
Aber die Teilnahme des deutschen Volks für Preußen blieb aus, ob-wohl es sich anschickte, dessen alte Träume und Hoffnungen zu erfüllen.Die Verhetzung gegen die leitenden Männer hatte schon ein zu tief ge-wurzeltes Mißtrauen erregt, als daß man ihnen folgen mochte. DieMittelstaaten fürchteten außerdem nicht ohne Grund für ihre Selbstherr-lichkeit; der Antrag wurde am 21. April einem Ausschusse übergeben,d. h. nach der üblichen Geschäftsführung auf Jahre begraben. Was nunfolgte, entsprang nur noch der unwillkürlichen Scheu vor dem letzten ent-scheidenden Schritt und dem Wunsche der Regierungen, alles getan zuhaben, was so aussah, als ob es den Krieg noch hätte verhüten können,dem man doch unaufhaltsam entgegentrieb.
Österreich schob stärkere Truppen nach Böhmen , vermehrte das Heerdurch Neubildung fünfter Bataillone bei den Jnfanterieregimentern, nahm
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