Druckschrift 
2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
Entstehung
Seite
269
Einzelbild herunterladen
 
  

Verteilung der preußischen Truppen an der Grenze

269

melte sich zwischen Torgau und Spremberg, rückwärts bis Kottbus rei-chend. Anfänglich gehörte auch noch das Gardekorps zu dieser Armee. Eswurde jedoch vor dem Beginn der Operationen zur II. Armee des Kron-prinzen herangezogen, die zunächst nur aus dem 5. und 6. Korps beiSchweidnitz und Neiße bestand. Zwischen der I. und II. Armee beiGörlitz wurde das 1. Armeekorps, das von der russischen Grenze kam,ausgeschifft. Auch dieses Korps trat später zur II. Armee über, die damiteine Stärke von 92 Bataillonen, 82 Eskadrons und 57 Batterien erhielt.Zwei selbständige gemischte Truppenabteilungen der Generale v. Knobels-dorff und Graf Stolberg, die an der oberschlesischen Grenze standen,wurden ihr gleichfalls unterstellt, so daß sie, diese eingerechnet, auf97 000 Gewehre, 10000 Reiter und 352 Geschütze anwuchs.

Von Zeitz bis nach Neiße reichte also die erste, wegen ihrer Ausdehnungheftig getadelte preußische Angriffsfront. Gewiß, sie war lang, aber nurso konnten die 5 großen Bahnlinien, die im Innern Preußens von Düssel-dorf, Coblenz, Stettin, Frankfurt a. O. und Kreuz kommen, gleichmäßigfür die Heranschaffung ausgenutzt werden. Nur in dieser Breite war esmöglich, die Truppen ohne Not einstweilen unter Dach und Fach zubringen; nur von einer so langen Grundlinie aus boten sich allen TruppenStraßen genug dar, um gleichzeitig den Vormarsch beginnen und sich freibewegen zu können. Gewiß hätte ein schon versammelter Feind diese Liniezu durchbrechen vermocht, aber er war eben am 5. Juni, als der erstepreußische Aufmarsch vollendet war, noch nicht versammelt und konnte auchnoch nicht versammelt sein. Sicherlich hätte er daran denken können, dieso weit auseinandergezogene Armee durch Oberschlesien in der linken Flankeanzugreifen und aufzurollen. Aber dazu mußte er schnell, überraschend,mit großen Marschleistungen und auf verhältnismäßig schmalem Raumevorgehen und sich entwickeln. Dazu war die österreichische Armee ihrerNatur nach nicht geeignet. Strategie aber ist ein System der Aushilfenund will nach den jedesmal vorliegenden Umständen, nicht nach Regelnund Gesetzen gehandhabt werden. Das hatte Moltke getan, und er ließsich darin nicht irre machen. Am 25. Mai schon beantragte er sofortigesVorgehen, sobald der Eisenbahntransport beendet sein würde.Wir stehenauf dem 60 Meilen langen Bogen ZeitzTorgauGörlitz Neiße mit60000, 130 000, 30000 und 60000 Mann. Die Konzentration von jezwei und endlich von allen diesen Gruppen kann am schnellsten nur nachvorwärts, also durch die Offensive, erreicht werden." Mit jedem ver-säumten Tage wurden die Österreicher stärker, und nach einigen Wochenkonnte ein neuer Feind von Franken her erscheinen. Aber Moltke mußte sich