Eigentümliche Lage am 15. August
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Flügel dem Feinde näher als den nächst benachbarten eigenen Truppen.Ein so seltsames Bild wird in der neueren Kriegsgeschichte schwer zumanderen Male aufzufinden sein. (S. Skizze 42.) Wer es mit unpartei-ischem Auge ansieht, wird zugeben, daß die Deutschen recht hatten, vorallen Dingen in der Richtung nach Westen einen Vorsprung zu gewinnen,um dann erst nördlich einzubiegen. Es ist dies die heute so viel von denRegeln der Kunst empfohlene Parallelverfolgung. Weder die Zögerungenund Schwankungen Marschall Bazaines, noch die Unordnung im Abmarschseiner Armee ließen sich auf deutscher Seite voraussehen. Prinz FriedrichKarl insbesondere hielt sich streng an seinen Grundsatz, richtiges Handelnbeim Feinde vorauszusetzen. Er achtete die Männer, die drüben komman-dierten, als gebildete und erfahrene Soldaten, denen man Fehler nicht ohneweiteres zutrauen dürfe.
Auch die Nacht vom 15. zum 16. August änderte an dem Bilde nichts.Bei Metz blieb die Ruhe erhalten. Das Gerassel von dort nach Grave-lotte abfahrender Wagen wnrde deutlich gehört. Südlich Gravelotte stießenPatrouillen auf feindliche Vorposten. General v. Voigts-Rhetz vom 10. Korpsfügte dieser Nachricht hinzu, daß er seine Kavallerie schon weit in der Rich-tung nach Verdun zu vorausgeschickt habe. Das alles bestätigte nur, wasMoltke vom Schlachtfelde von Colombey aus an den Prinzen telegra-phierte: „Franzosen vollständig nach Metz hineingeworfen und wahrschein-lich jetzt schon im vollen Rückzüge auf Verdun ."
So erscheinen die von dem Prinzen für den 16. August gegebenenBefehle vollkommen natürlich. Das 3. Korps sollte von Noveant aufVionville und Mars-la-Tour, das 10. von Thiaucourt und Pont-ä-Moussongegen St. Hilaire nordwestlich vorgehen, alles übrige aber die Richtungnach Westen zur Maas weiter verfolgen. Das 4. Korps ging gegenToul vor.
Die Kritik hat diese Anordnungen hinterdrein ans der vollen Wissen-schaft der wirklichen Verhältnisse auf beiden Seiten heraus getadelt undangeführt, wie und auf welchem Wege man hätte erraten müssen, daß dieFranzosen noch immer bei Metz stünden. Die Ungewißheit, die im Kriegeüber allem lagert, ist dabei außer Acht gelassen und an die Stelle desFeldherrn, der wie die größten seiner Art dem Irrtum unterworfen ist,ein allwissender Seher oder Prophet gedacht. Will man einen Fehlerherausfinden, so war es der, daß Prinz Friedrich Karl sich nicht am15. August durch einen schnellen Ritt zu seiner Kavallerie nach der Gegendwestlich Metz begab, um selbst zu sehen, was dort geschah. Er hätte aucheinen seiner Generalstabsoffiziere dahin entsenden können, zu dessen Urteil