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2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
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VIII. Der Krieg vvn 1870/71

Bazaine fügte sich, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß er es gern tat,weil der Mehrheitsbeschluß seinen heimlichen Wünschen entsprach. Nach-mittags um 4 Uhr gab er den Befehl zum Rückmarsch in die verlassenenLager. Das Regenwetter dauerte auch an diesem Tage fort und trugdazu bei, die Truppen mit der Entscheidung ihres Feldherren auszusöhnen.

Marschall Bazaine hat hierbei sicherlich nicht allein nach soldatischen,sondern auch nach politischen Rücksichten gehandelt.Aber es fragt sich,ob er bei der in Frankreich eingetretenen Verwirrung anders handelnkonnte?" Augenscheinlich hatte er wenig Neigung, sich von Metz zutrennen; denn unter seinen Mauern vermochte er sein Heer einstweilenungeschwächt zu bewahren. Ein gewaltsamer Durchbruch hätte gelingenkönnen, aber jedenfalls große Verluste erfordert. Waren die fechtendenTruppen glücklich durch die preußische Linie hindurch gekommen, so fragtees sich doch, ob der Troß und der Munitionspark würden folgen können?Dazu war nur geringe Aussicht vorhanden. Ohne sie aber wäre die Armeenicht bewegungsfähig gewesen, und es hätte ihr nach ein oder zwei Ge-fechten und Schlachten schon an Schießbedarf gemangelt. Dies entschiedjedenfalls die Wahl des Umweges längs der Festungsreihe der Nordgrenze.Aber auch er bot keine Sicherheit. Man hatte die Erfahrung gemacht, daßdie Preußen schneller marschierten, der Weg konnte dem Marschall verlegtund er nach unglücklichem Kampfe auf neutrales Gebiet gedrängt werden.Wo Mac Mahon sich im Augenblick befand, und bis wohin er ihm ent-gegenkommen würde, war unbekannt, das ganze Unternehmen also eingroßes Wagnis, bei dem die stärkste Armee Frankreichs leicht zugrundegehen konnte. Blieb er jedoch mit seiner Heeresmacht unter den Mauernvon Metz , so war es möglich, sie bis auf weiteres ungeschwächt zu erhalten,und ihm war an ihrer Spitze eine große Rolle gesichert. Kam es zu Ver-handlungen und vielleicht zu einem nahen Friedensschluß, an den man, dasich Frankreichs Schwäche offenbart hatte, wohl denken konnte, so mußte mansich auf deutscher Seite natürlich fragen:Wo ist in Frankreich die Macht,mit welcher nach Zusammensturz des Kaiserreichs verhandelt werden kann,und welche in ihrer Stärke die Bürgschaft dafür leistet, daß übernommeneVerpflichtungen auch gehalten werden?" Diese Macht konnte nur Bazainemit seinem Heere sein. Solche Gestalt mögen seine Überlegungen ange-nommen haben, und man konnte ihnen die Logik nicht absprechen. Daßden Marschall daneben eigensüchtige und ehrgeizige, persönliche Pläne be-herrschten, und er im Falle des Gelingens anders als im InteresseFrankreichs gehandelt haben würde,ist weder bewiesen, noch vorauszu-setzen."