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VIII. Der Krieg von 1870/71
Noch stand das neugebildete 13. Armeekorps unter General Vinoy zurVerfügung; in Paris war die Bildung des 14. Armeekorps begonnen.Sodann waren 463 000 Mann der Teritorialmiliz und Mobilgarde ver-fügbar, ebenso das gerade ausgehobene Rekrutenkontingent von 100000Mann und endlich noch die Nationalgarde. Auch an Waffen fehlte esnicht. Der Vorrat daran belief sich auf 2000 Geschütze und 400000dem deutschen überlegene Gewehre. Zudem stellte das neutrale England seine Waffenfabriken Frankreich bereitwillig zu Gebot. Mehr war für einenenergischen Willen nicht zu verlangen, um schnell ein neues Heer zu schaffen,und dieser Wille sollte sich finden. Der neue Kriegsminister, obwohl nichtMilitär von Fach, entwickelte bald eine fieberhafte Tätigkeit. Seine rechteHand war dabei der Kriegsdelegierte de Freycinet, ein begabter Ingenieur,der die Rolle des Chef des Generalstabes übernahm. „Mit seltner Tat-kraft und unerschütterlicher Beharrlichkeit wußte Gambetta die ganze Be-völkerung des Landes zu bewaffnen, er verlängerte den Kampf in uner-warteter Weise; und wenn es ihm auch nicht gelang, das Schicksal Frank-reichs zu dessen Gunsten zu wenden, so stellte er durch seinen Widerstandder deutschen Heeresleitung doch noch unerwartet große Aufgaben."
Der Vormarsch der Deutschen auf Paris
(Vgl. Skizze 4S, S. 446 u. Skizze 50)
Trotz den großen Siegen war die Lage der deutschen Heere, wie man siejetzt übersieht, im Augenblick keine leichte. Die eine Hälfte stand vor Metzund Straßburg einstweilen fest, nur die andere blieb für die Fortführungder Kämpfe im freien Felde verfügbar. Aber es waren auch an 200 000Gefangene abzuführen oder in der Heimat zu bewachen, zahlreiche kleinereFestungen einzuschließen, die rückwärtigen Verbindungen der vordringendenHeere sicherzustellen. Nur etwa 150 000 Mann konnten sich gegen Paris in Bewegung setzen. Sie hatten große Anstrengungen und starke Verluste,namentlich an Offizieren, hinter sich und bedurften jetzt einiger Schonung,wenn sie nicht aufgerieben werden sollten. Der Marsch wurde daher ingroßer Breite ausgeführt, um ihnen gute Unterkunft und Ernährung zugewähren.
Am 2. September abends waren alle Anordnungen für den Abmarschgetroffen. Das 1. bayerische und das 11. Armeekorps blieben vorläufigzur Gefangenenbewachung und Begleitung zurück. Die übrigen zogen sicham 3. September weiter auseinander und begannen am 4. die Bewegung.Die allgemeine Richtung führte zunächst auf Rethel. Dabei kam das fran-