Druckschrift 
2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
Entstehung
Seite
480
Einzelbild herunterladen
 

480

VIII. Der Krieg von 1870/71

Es war nach Vauban und seiner Schüler Methode mit allen Mitteln desWiderstandes ausgerüstet und besaß einen reichen Geschützpark. Die Be-satzung war nach Mac Mahons Rückzug aus dem Elsaß freilich nurschwach, verstärkte sich aber durch Versprengte, Ersatztruppen, Mobil- undNationalgarden alsbald auf 23 000 Mann, die vollkommen ausreichten.Ihre Mannszucht kann indes zum Teil nur locker gewesen sein. Aufder Südseite schützte eine ausgedehnte Überschwemmung den Platz und imOsten der Rhein , so daß sich die Verteidigung auf die Nord- und West-seite beschränken konnte.

Am 11. August erschien, von Wörth kommend, die badische Divisionvor der alten vielbesungenen, deutschen Stadt, deren Wiedergewinnung dieSehnsucht des ganzen deutschen Vaterlandes war. Außerhalb keinen Wi-derstand findend, gingen die Badenser sofort bis unmittelbar an die Fe-stungswerke heran, besetzten auch sogleich das vor den Toren gelegeneausgedehnte Dorf Schiltigheim und ebenso im Südwesten an der PariserStraße Königshoffen, an dessen Südrand schon die Anstauung stieß. OhneVerstärkungen konnte freilich zum ernsten Kampfe noch nicht übergegangenwerden, diese aber trafen schon im Verlaufe von 8 Tagen in der Gestaltder Gardelandwehr und der 1. Reservedivision ein. Nun zählte das Be-lagerungskorps unter General v. Werder 40 000 Mann nebst einem Ge-schützpark von 200 gezogenen Kanonen und 88 Mörsern.

Die Wirksamkeit der gezogenen Kanonen beim Angriff auf Festungenwurde damals auf Grund der Versuche, die 10 Jahre vorher bei Jülich stattgefunden hatten, erheblich überschätzt. Es war geglückt, mit Feldge-schützen in starkes Mauerwerk Bresche zu schießen, und Enthusiasten hofften,künftig alle Festungen nur mit Feldartillerie bezwingen zu können. Sowurde denn auch hier in der Nacht zum 25. und in der zum 26. Augustdie Bezwingung des Feindes durch eine Beschießung versucht, die abererfolglos blieb. Sie erzeugte nur in der Stadt eine bedeutende Feuers-brunst; auch Kehl ging jenseits des Rheins in Flammen auf. Generalv. Werder mußte sich, da der Verteidiger keine Neigung zur Nachgiebig-keit zeigte, zur regelrechten Belagerung entschließen, die auch sofort be-gonnen wurde. General v. Mertens leitete dabei die Arbeiten der In-genieure, General v. Decker die Verwendung der Artillerie. Der Angriffwurde im wesentlichen noch nach älterer Art, nämlich wie vor Düppeldurchgeführt, und am 30. August die erste Parallele eröffnet. Sie zogsich vor der ganzen Nord- und Westseite hin. Bald standen 124 Geschützeschwersten Kalibers in gedeckter Stellung bereit, den Kampf mit der Fe-stungsartillerie aufzunehmen. Die vorspringende Nordecke zu beiden Seiten