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2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
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VIII. Der Krieg von 1870/71

gegen Orleans sichernd aufstellte, und das 6. Korps ganz auf das linkeSeineufer übertrat. Dort lief die Verteidigungslinie an den Höhenrändernsüdlich Paris bei Versailles vorüber und fand ihren Abschluß bei Bou-gival, dem an der anderen Seineseite gelegenen Chatou gegenüber. DasHauptquartier des Königs sowie das der III. Armee wurde Versailles ;das der Maasarmee nach Vert Galant an der Straße nach Meaux .Telegraph und Fanale sicherten die schnellere Verbindung; von geeignetenPunkten aus wurden alle Bewegungen des Gegners im Auge behalten.An Unterkunft fehlte es in dem recht dicht bevölkerten Lande nicht; schwie-riger gestaltete sich die Ernährung; denn die Einwohner waren meist ent-flohen, und hatten ihre Vorräte zerstört, ihr Vieh fortgetrieben. Nur dieWeinkeller boten schier unerschöpfliche Bestände. Fürs erste mußten dieProviantkolonnen der Armee herhalten, dann schaffte die Kavallerie ausder weiteren Umgebung Lebensmittel und Pferdefutter in größeren Mengenherbei. Viel konnte gekauft werden; tadellose Mannszucht und gute Be-zahlung sicherten ertragreiche Märkte, wie sie später auch von der II. Armeean der Loire mit viel Erfolg eröffnet wurden. In Versailles lebte manwie im tiefsten Frieden. Dem Schutze des großen Hauptquartiers ver-trauend, blieben hier die Bewohner zurück und gingen in aller Ruhe ihrenGeschäften nach. Die Wirte verdienten reichlich an der Einquartierung;Gärten und Felder wurden regelmäßig bestellt. Die Vorposten lagertenim Freien oder in Baracken, an manchen Stellen allerdings dem feind-lichen Feuer stark ausgesetzt, so daß ihre regelmäßige Ablösung unmöglichwurde. Einer Überraschung war besonders das in der Nordfront, vor-wärts des überschwemmten Moreebaches gelegene Le Bourget preisgegeben,das trotzdem von der Garde besetzt worden war. Alles richtete sich sogut wie möglich häuslich ein, denn man begann an ein längeres Ver-bleiben vor Paris zu glauben.

Erst am 30. September fand wieder ein größerer Ausfall an den Straßennach Fontainebleau und nach Orleans statt. Er galt der Stellung des6. Korps bei Thiais und Choisy-le-Roi . Die preußischen Vorposten wur-den geworfen, die zwischen den Ortschaften aufgestellten Geschütze zum Ab-fahren genötigt, aber die Infanterie verteidigte ihre neuen Heimstättenhartnäckig und wies die Angreifer nach einiger Zeit zurück. Auch weiterwestlich bei Villejuif und der Schanze von Hautes Bruyeres kam es zumhin und her wogenden Kampfe. Als aber General Vinoy dort seine ge-lichteten Bataillone nicht mehr ins Feuer zu bringen vermochte, gab erbald nach 9 Uhr früh den Angriff auf und führte seine Truppen indie Festungswerke zurück. Der Kampf war ziemlich blutig gewesen, das