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2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
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VIII. Der Krieg von 1870/71

die auf 100150 000 Mann hinausliefen, unterschätzten den Gegner nochbedeutend.

Gambetta hatte seit Coulmiers in unermüdlicher Tätigkeit die Loire-armee über jedes Erwarten verstärkt. Wir wissen schon, daß er an ihrenrechten Flügel das 20. Korps Crouzat, das nicht weniger als 40 000Mann zählte, herangerufen hatte. Auch das 18. traf ebendort ein. Aufdem linken Flügel war das 17. jetzt in feiner Zusammensetzung vollzählig.Das. und 16. bildeten die Mitte. Selbständige Freischaren schlössensich an. Überall am Nordrande des Waldes von Orleans , aber auchweiter rückwärts, gegen die Stadt hin an Stärke zunehmend, wurden Ver-schanzungen angelegt, Marinegeschütz von Cherbourg herangezogen.

In Paris bereitete sich ein großer Ausfall vor. Eine Neueinteilungder Kräfte der Hauptstadt schuf drei Armeen, von denen die 2. die schlag-fertigsten Truppen enthielt und von General Ducrot geführt wurde.Dieser faßte den Plan, Ende November einen Durchbruch auf der Südost-seite zu versuchen. In derselben Richtung mußte ihm die Entsatzarmeeentgegengehen, um die schwachen deutschen Kräfte zwischen zwei Feuer zunehmen.

Diese Lage beweist, wie sehr Prinz Friedrich Karl recht gehabt hatte. Nurmit etwa 40 000 Mann war er eingetroffen, verhältnismäßig stark anArtillerie und Kavallerie. Aber diese beiden Waffen konnten bei einemAngriff in dem bedeckten Gelände vor Orleans nur wenig mitwirken.Die tüchtige, kriegserprobte Infanterie wiederum war an Zahl zu schwach,um die Stellungen des Feindes ohne ihre Unterstützung nehmen zu können.Bei dem Versuch hätte sie sich, je tapferer sie vorging, desto schneller ver-brauchen müssen.

Anders gestalteten sich die Dinge, wenn der Feind aus dem Walde indas offene Gelände gegen Paris hinaustrat und seinerseits angriff. Dannhatten die Deutschen freies Feld für die Verwendung aller drei Waffen,und ihre größere Manövrierfähigkeit kam zur Geltung. Einmal abermußten die Franzosen vorwärts gehen, wenn anders ihre Rüstungen einenZweck haben sollten.

Gambetta drängte längst dazu. Schon nach dem Erfolge von Coulmiershatte er die allgemeine Offensive gewünscht, sich aber am 12. Novemberbei einem Besuche der Loirearmee davon überzeugt, daß diese noch unfähigzu weitgehenden Unternehmungen sei. Jetzt, wo seitdem zehn Tage ver-flossen und die großen Verstärkungen eingetroffen waren, hielt es ihnnicht länger. Da General d'Aurelle de Paladines noch immer einen Auf-schub verlangte, um seinen Truppen erst noch mehr Festigkeit zu geben,