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2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
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508 VIII. Der Krieg von 1870/71

Krisis im Feldzuge gegen die Republik trat früher ein, als es irgendjemand erwartet hatte. Die Armee vor Paris war durch den Feind, densie eingeschlossen hielt, gefesselt. Im Norden kam General v. Manteuffeleben erst heran, aber nur mit dem 8. und einer Division des 1. Armee-korps. Die 75 000 Mann, welche die II. Armee, vereint mit den Truppendes Großherzogs zählte, stellten die Hauptstreitkraft dar, die verfügbarwar, um den Entsatz von Paris fernzuhalten wenig genug, um zurVorsicht zu mahnen. Das Land ringsumher war überdies in Aufruhrgegen die Deutschen.

In Gambettas Entwürfen scheint die Ansicht eines irischen Abenteurers,Kapitän Ogilvie, eine gewisse Rolle gespielt zu haben, der am 24. Novemberbei Ladon-Maizieres fiel. Deutsche Soldaten fanden bei ihm einenEmpfehlungsbrief Gambettas an General Crouzat, dem Gien von demDiktator als der Schlüsselpunkt der nächsten Operationen bezeichnet wurde.Die große französische Offensive sollte am Loing abwärts über Nemours und Malesherbes eingeleitet werden, der Ausfallarmee von Paris gerade-wegs entgegen. Dort konnte man dieser nicht nur am bäldesten die Handreichen, sondern trennte zugleich die Deutschen von ihren Verbindungen mitder Heimat. Sie sollten nicht bloß geschlagen, sondern vernichtet werden.Am Loing entlang war zudem die Eisenbahn am längsten zu benutzen,und dessen bedurften die noch schwerfälligen Heere.

Mitte und linker Flügel der Loirearmee sollten sich der Offensive durchVormarsch über Pithiviers und Toury anschließen.

Ein napvleonischer Plan, aber ohne napoleonische Truppen und Energieder Führer!

Paris hat Hunger und ruft uns" war Gambettas Parole. Er zögertenicht länger. Spannende Tage folgten. General d'Aurelle wurde auf-gefordert, mit dem 15. Korps von Orleans auf Pithiviers , mit dem 20.auf Beaune-la-Rolande , mit dem 18. rechts daneben vorzugehen derWeitermarsch habe Fontainebleau als nächstes Ziel. d'Aurelle machteEinwendungen gegen das voreilige Heraustreten ins freie Gelände. PrinzFriedrich Karls Name übte seinen Zauber auf ihn; er konnte sich diesengefürchteteu Heerführer nichts anders als an der Spitze von mindestens80 000 Mann denken. Gambetta wurde unwillig; niemand wußte, wielange sich Paris noch halten könne. Ein Sieg nach dem Fall der Haupt-stadt hatte keinen Wert mehr. Am 26. November erhielt, über dÄurellesKopf hinweg, General Crouzat den Befehl, zunächst mit dem 20. und18. Korps allein vorzugehen. Damit war die Verwirrung in die Führungder Armee hineingetragen, der Keim für die Niederlage gelegt.