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VIII. Der Krieg von 1870^71
So gelang es Crouzat, sein Vorhaben auszuführen nnd die gefährlicheFlankenbewegung am 30. unter leichten Gefechten bei Maizieres, St. Loupund Montbarrois zu vollziehen.
Nicht der rechte, sondern der linke französische Flügel sollte den nächstenSchritt tun. Eine verspätete Ballonpostmeldung brachte die Kunde nachTours, daß General Ducrot seinen Ausfall mit 100000 Mann und 400Geschützen am 29. habe beginnen wollen. Man mußte ihn deshalb schonim vollen Kampfe annehmen. Eile war geboten. Freycinet begab sichnach Orleans , auf den Notfall mit einem Absetzungsdekret für dÄurelleversehen, und verlangte das sofortige Vorgehen. Aber nicht die gesamteArmee sollte gleichzeitig zum Angriff schreiten, sondern Mitte und linkerFlügel 15., 16. und 17. Korps vorher eine Rechtsschwenkung ausführenund bis Pithiviers vorrücken, dann erst das Ganze sich in Bewegung setzen.Zur Sicherung der linken Flanke ging das neugebildete 21. Korps nachVendüme am Loirfluß vor. Man hielt dies Verfahren wohl für methodischnnd planvoll, vergaß aber den Feind dabei.
Prinz Friedrich Karl, der am 30. mit seiner Armee zwischen Pithiviers und Beaune-la-Rolande vereint stand, erhielt dadurch im wichtigen Augen-blick die Freiheit der Bewegung.
Die französische Rechtsschwenkung, die am 1. Dezember begann, konntesich auch nicht ohne Kampf vollziehen, wie man es in Tours gehofft zuhaben scheint. Sie mußte zunächst auf die Armeeabteilung des Groß-herzogs treffen, die gerade, der Linksschiebung der II. Armee folgend, andie große Pariser Straße heranrückte, aber mit den letzten Truppen nochbis Varize zurückreichte. General Chanzy hatte Freycinet auf ihre Näheaufmerksam gemacht und sehr richtig darauf bestanden, daß sie erst zurück-geworfen würde, ehe man an die Schwenkung ging. Am 1. Dezembersehen wir ihn mit seinem Korps, zur Linken hinter sich das 17., imVormarsche nördlich gegen Orgeres. Bei Villepion stieß er auf Teiledes am Ende marschierenden 1. bayerischen Korps, griff sie umfassend mitgroßer Überlegenheit an und drängte sie auf Orgeres und Loigny zurück,wobei sie den nicht unbedeutenden Verlust von 42 Offizieren 894 Mannerlitten.
Das Ereignis erregte in Tours große Freude. Auch aus Paris kamengute Nachrichten. General Ducrot hatte am 30. seinen Durchbruch tat-sächlich begonnen und anfänglich Erfolge errungen. Gambettas lebhaftePhantasie hielt ihn schon für gelungen; der Diktator zweifelte nicht mehram glücklichen Ausgauge seines großen Unternehmens und kündete diesverfrüht dem in einen Freudentaumel versetzten Lande an.