Die Romantik,
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inspiriert ein so ganz Neues in das Geistesleben des deutschenVolkes hereintrug, daß wir noa) immer vor diesem Maunc als voreiner unbegriffenen oder doch uoch nicht ganz begriffenen Erschei-nung staunend Halt machen; für die Geschichte z. B. beginnen seine„Ideen" zum Teil erst heute recht fruchtbar zu werden. In ihn,lebte ein so feines Gefühl für das Volkstümliche und Eigenartige,für das Nationale in Poesie und Sprache, ein so klares Verständ-nis für alles Wachsende, Werdende und sich Entwickelnde, ein solcherSpürsinn für echt Menschliches und menschlich Schönes, daß erganz deutsch nnd ganz Kosmopolit, universal und national zugleich,gewissermaßen nach zwei Seiten hin befruchtend wirkte. Er selbstsammelt die Stimmen der Völker im Lied und weist wie auf diehebräische so auch auf die romanische Poesie hin; und unter seinemEinfluß schreibt Goethe über deutsche Art und Kunst, begeistert sicham Straßburger Minister für die Kunstwerke des deutscheu Mittel-alters nnd gießt in eine, wie er damals meint, echt ShnkespearischeForm die Geschichte Gottfrieds von Berlichingen mit der eisernenHand und schildert iu ihm und seiner Hausfrau deutsches Freiheits-gefühl und deutschen Biedersinn aus den Tagen Luthers . Und uuterdemselben Einfluß steht auch Bürger, der selten nach Verdienst ge-schätzte, wenn er seine volkstümlichen Balladen von Lenore uud desPfarrers Tochter von Taubeuhain dichtet. Auf die Griechen und aufHomer hat Herder uoch vor Schiller uud Goethe hingewiesen, uud inseinem Sinn schreibt Friedrich Schlegel in den neunziger Jahrendie Bruchstücke einer Geschichte der Poesie der Griechen und Römer,durch die er für diese leisten will, was Winckelmann für diegriechische Kunst geleistet hat. Und wenn Herder, als „Ober-priester des Griechentums" das Christentum auch allzusehr mit derHumanität selbst identifizierte, so war ihm, der ja zugleich auchGeneralsnperintendent war, die Religion schließlich doch die „innigsteAngelegenheit", das „Mark der Gesinnungen eines Menschen", der„Altar seines Gemüts", uud damit Präludierte er SchleierinachersGesühlsreligion, wie er diesem auch für seine Spinozabegeisterungzum Führer wurde. Als er, dem Bildung das Höchste war,das Wort hinwarf: „Aufklären heißt nicht bilden; alle Aufklärungs-anstalten verfehlen nicht allein, sie vernichten den letzten Zweck aller