Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
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gefaßt. Dem fehlte es aber leider außer an der nötigenEignung (darauf aber kam es wenig an) an dem er-forderlichen Alter. Er betrachtete trotzdem den Lon-doner Posten, auf dem er keinen allzu günstigen Ein-druck als Hilfsarbeiter hinterlassen hatte, als sein Erb-teil. Um die Zeit bis zu seiner Reife auszufüllen, galtes, nun einen älteren Herrn zu finden, möglichst amRande des Grabes. Zuerst wurde an Herrn v. Eisen-decher gedacht. Er war alt. Das war die Hauptsache.Auch hatte er mit Erfolg die kaiserliche Jacht in Co-wes befehligt. Eine höchst anerkennenswerte Leistung.Er war auch mit allen Bible-Societies befreundet; daswar schon etwas, im übrigen ein höchst ehrenwerterMann, Freund der Großherzogin Luise. Er besaß aberdie Einsicht, den Ruf abzulehnen. Nun suchte maneinen anderen Greis. Nicht mich, denn damals warich noch keiner. Vor allem sollte es ein Greis sein, da-mit in wenigen Jahren der Posten frei wurde. Freiherrv. Marschall war der älteste Botschafter. Also her da-mit. Leider starb er unprogrammäßig. Große Ver-legenheit! Der ausersehene Kandidat schien noch zujung; über ihn möchte ich verstummen. Die Gelehrtensteckten die Köpfe zusammen. Ein anderer Greis warnicht auf Lager. Was tun?

Herr v. Bethmann Hollweg, dessen rascher Auf-stieg das Staunen seiner Jugendfreunde hervorrief,war ein liebenswürdiger Gast und Jagdgenosse. Erspielte, sagt man. auch gut Klavier. Er kam auf denEinfall, mich auf der Rückreise von Buchlau, wo ersich Instruktionen geholt hatte, auf dem Lande zu be-suchen. Wir fuhren im Auto in die schlesischen Berge,und er fand, daß ich nicht so übel sei, als er gehörthatte. Kurzum, er verfiel auf den merkwürdigen Ge-danken, mich aus meiner Ländlichkeit hervorzurufen.Sehr zum Ärger des Herrn v. Kiderlen. Der wollte nur

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