Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
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VORWORT

D ie große Aktenveröffentlichung des AuswärtigenAmtes, die leider an gewissen Stellen durch un-gehörige Kritiken in Form von Fußnoten entstellt ist,hat es dem Historiker ermöglicht, sich selbst ein Ur-teil über die auswärtige Politik des Hohenzollem-Kaisertums zu bilden. Er wird erkennen, daß dergroße Mann seinen Höhepunkt 1870/71 erreicht undüberschritten hatte, und daß er später mitunter in er-i schreckender Weise nachließ. Man hat den Eindruck,daß sein durch vieleschlaflose Nächte" und Neu-ralgien angegriffener Gesundheitszustand nicht ohneRückwirkung auf sein Nervensystem blieb und liestmit Entsetzen Ausführungen, wie die Denkschriften,die das verhängnisvolle Bündnis mit Österreich recht-fertigen sollten (Nr. 455 und Nr. 461). Bei wenigerberühmten Autoren würden solche krause Dar-legungen als Hingespinste, Sophismen, Schwulst undPhantastereien gelten! Im Gegensatz zu unseren Ver-tretern in Petersburg und Paris , die überein-stimmend über unbedingten Friedenswillen unsgegenüber berichteten und nur auf Angst, Mißtrauenbezw. auf Mißstimmungen hinweisen, sucht der ersteKanzler imaginäre Gefahren glaubwürdig zu machen,die lediglich in seinem Kopfe zu finden waren, umdem alten Kaiser das Bündnis mit Österreich gegenRußland schmackhaft zu machen! Eine Koalition ä laKaunitz sollte sich vorbereiten, zu der aber weder beiden Russen noch bei den Franzosen noch gar bei den

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