Erster Abschnitt
DER SERBISCH-ÖSTERREICHISCHE STREIT
AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 14, 11. 1912
S ir E, Grey, welcher mich heute nachmittag empfing,drückte mir wiederholt seine Genugtuung darüberaus, daß die Spannung der letzten Tage wesentlichnachgelassen habe und kein Grund mehr vorliege, uman ernsthaftere Verwickelungen zu glauben. Er habedem britischen Vertreter in Belgrad den Auftrag er-teilt, bei der dortigen Regierung im Sinne der Mäßi-gung zu wirken und ihr vorzustellen, daß sie sich alleSympathien der europäischen Großmächte verscher-zen würde, falls sie eigensinnig auf dem einseitigenVerlangen nach einer Gebietserweiterung in der Rich-tung des Adriatischen Meeres verharre. Es biete sichnach der Auffassung des britischen Kabinetts nochein anderer Weg, um zur Erfüllung der berechtigtenWünsche des serbischen Volkes zu gelangen: ein ge-sicherter Handelsweg mit entsprechendem Hafen oderdie Verbindung mit dem Ägäischen Meer. In dem-selben Sinne habe, wie er bestimmt wisse, das rus-siche Kabinett auf die serbische Regierung eingewirkt,so daß man in Belgrad nicht im Zweifel darüber seinkönne, daß auf eine Unterstützung von außen nicht zurechnen sei. Die österreichisch-ungarische Regierunghabe bisher Mäßigung an den Tag gelegt, und es seinur zu hoffen, daß sie sich nicht werde hinreißen
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