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Chefredakteur des Berliner Tageblattes Kuchelna , 26. 5, 1925
estatten Sie mir als früherem Mitarbeiter und
vJlangjährigem Leser Ihres geschätzten Blattes zuder unseligen Flaggenfrage kurz das Wort zu er-greifen.
Ich habe es, wie sehr viele andere, lebhaft be-dauert, daß in Weimar die schwarzweißrote Flagge,die Weltkurs besitzt und unter deren ruhmreichenFarben wir den Weltmarkt eroberten, abgeschafftwurde, und zwar in erster Linie wohl auf Betreibendes damaligen österreichischen Vertreters, HerrnProfessor Hartmann, der den Anschlußgedanken unterdem schwarzrotgoldenen Panier für aussichtsreicherhielt. Ganz abgesehen davon, daß die Frage, ob derAnschluß überhaupt wünschenswert erscheint, außer-ordentlich strittig ist, während die andere Trage, obdie „alliierten und associierten Mächte“ ihn gestattenwürden, meiner Ansicht nach nicht von Farben,sondern von Interessen abhängt, war es, gering gesagt,eine Übertreibung, wenn die angebliche Rücksicht-nahme auf eine Bevölkerung, die wenig mehr als einZehntel derjenigen des Reiches ausmacht, so weit ging,daß ihretwegen die Flagge des neugeeinten DeutschenReiches gegen die 48er großdeutschen Farben ein-getauscht wurde.
Hat doch selbst die Restauration in Frankreich dierevolutionäre Trikolore nicht abgeschafft: „La Tricoloreä fait le tour du monde."
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