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1 (1927)
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stimmt erklärte, daß er zurücktreten werde ,,undBismarck ist notwendiger als ich", sagte der edleHerr. Schließlich erlangte Graf Stolberg, den Bis-marck nach Baden schickte, die Unterschrift desMonarchen, und jetzt handelte es sich nur darum,was man dem Kaiser Alexander sagen solle, um denWiderspruch zwischen den Gesprächen von Alexan-drowo und den Wiener Abmachungen in einem mildenLichte erscheinen zu lassen.

Immer wieder frage ich mich: Wie war es möglich,daß keiner unserer Staatsmänner und Diplomaten dieVerfehltheit dieser Politik erkannte, und daß nie-mand begriff, daß das Bündnis mit Öster-reich ein Unsinn war und mithin der ganzeDreibund, daß nur ein einziger unserer Diplomatendauernd davor warnte, sich mit Österreich zu sehreinzulassen. Diese Erkenntnis hat dem Betreffendenallerdings den Ruf einesAustrophoben" eingetragen,der schon deshalb bedenklich war, weil der Wertunserer Diplomaten nicht nur nach dem Grade ihrerUnfähigkeit, sondern auch nach der Temperatur ihrerEinstellung zu Österreich beurteilt wurde.

Die Antwort ist einfach. Die Macht und der Fluchdes Autoritätsglaubens enthebt von der Mühe selb-ständigen Denkens, einer Fähigkeit, die allerdingsnicht alle besitzen. Wie wenige erkennen oder wagenes auszusprechen, daß der Bismarck der 70 erund 80 er Jahre nicht mehr auf der Höheder Vorkriegszeit stand! Nichts liegt mirferner als die Absicht, den Manen des großen Mannesdie verdiente Ehrfurcht zu versagen, ich meine aber,daß die aufrichtige Bewunderung für seine großenLeistungen, die zur deutschen Einigkeit führten, sehrwohl vereinbar ist mit einer freimütigen Kritik seinerHandlungen im Zeitalter der Diktatur! Es ist ein Vor-

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