die Ansichten entnehme, die Sie über meine Menschen-kenntnis und Befähigung besitzen.
Ich bin natürlich sehr weit davon entfernt, dasVertrauen, daß ich Euer Exzellenz bei verschiedenenAnlässen entgegenbrachte, als einen der Gründe fürden Vorwurf mangelnder Urteilskraft zu betrachten.Die völlige Übereinstimmung unserer Ansichten überdie leitenden Staatsmänner der Wilhelmstraße undüber deren Politik vor Kriegsausbruch hatte eine An-näherung zwischen uns herbeigeführt. Wir begegnetenuns auch in der Überzeugung, daß unsere Flottedie Teilnahme Englands am Kriege nichtverschuldet hat, daß England auch ohnedie Flottenfrage und ohne die belgischeNeutra 1 itätsver 1 etzung ein zweites Se-dan niemals zugelassen hätte, und in diesemSinne hatte ich stets berichtet, ohne freilich im Aus-wärtigen Amt Glauben zu finden.
Wenn ich trotzdem noch im letzten Augenblick,wie aus den von Ihnen gleichfalls gedruckten De-peschen hervorgeht, eine abwartende Haltung Eng-lands erhoffte, so geschah das mit Rücksicht auf denunbedingten Friedenswillen der britischen Regierungund der gesamten Nation und auf die sehr geteilteStimmung im Kabinett.
Euer Exzellenz werden mir jedoch zugeben müssen,daß mein Urteil über den Verlauf des Krieges, überdie Notwendigkeit eines Verständigungsfriedens undnamentlich über die Wirkungen des unein-geschränkten U-Boot-Krieges sich als richtiger er-wies, als das Programm der „Vaterlandspartei" , dasuns zum Frieden von Versailles geführt hat.
Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung ver-bleibe ich
Euer Exzellenz sehr ergebener Lichnowsky.
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