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Albert Ballin / Bernhard Huldermann
Entstehung
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welche die Folgen ihres Tons nicht übersehen. Wahn, Wahn, überallWahn! Wenn ich Sie wäre, würde ich alle Rücksichten in die Wind«schlagen und dem Kaiser als persönlicher Freund vor Äugen stellen,was jetzt, meines Trachtens ohne zureichenden Grund, aufs Spielgesetzt wird: Die Existenz des Reiches, seine Krone und vielleicht sein«Dynastie. Man glaubt in einem Tollhause zu sein, wenn von allenSeiten Krieg mit Holland, Amerika, Dänemark und Rumänien be-sprochen wird, als handle es sich um eine Landpartie/

Immer wieder versuchte Ballin im Verlauf des Krieges dieAuffassung unserer Lage, wie er sie sich auf Grund seiner Be-obachtungen und seines Meinungsaustausches mit einigen un-voreingenommenen, klarsehenden Männern gebildet hatte, denverantwortlichen Stellen nahe zu bringen. Im Juli 1916 tater das z. B. mit folgendem Situationsberichtfür einenihm befreundeten deutschen Diplomaten, der unsere Interessenin einem der verbündeten Länder wahrnahm, und über dieLage in der Heimat unterrichtet zu sein wünschte.

»Erfreuliches von hier ist gegenwärtig nicht zu berichten. Der Kriegund das Kriegsergebnis sind unabsehbar geworden. Dabei habe ichleider das Gefühl, daß an den verantwortlichen Stellen der tiefe Ernstder Gesamtlage immer noch nicht zur ganz klaren Würdigung gekommenist. Politische und militärische Führung gehen oft auseinander. Auchzwischen Berlin und Wien fehlt es an der nötigen Zusammenwirkung.Wir glauben Reiter zu sein, aber wir sind nur das Pferd. Der Wegzwischen Berlin und Wien ist besät mit wenig glücklichen Kompromissen,und unfähige Erzherzöge werden an die wichtigsten Stellen gesetzt.

Die militärische Lage war sehr günstig, bis die Österreicher glaubten,ihr Tag für Italien sei gekommen und unsere Heeresleitung gleichzeitigLorbeer in Frankreich pflücken wollte.

Beide Aktionen erweisen sich politisch wie militärisch verfehlt. Aushundert Gründen ist für uns baldiger Frieden eine Notwendigkeit.