Druckschrift 
Albert Ballin / Bernhard Huldermann
Entstehung
Seite
355
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Z55

Deutschland. Davon gibt ein Brief Zeugnis, den er an denChef des Iivilkabinetts als diejenige Stelle richtete, dievielleicht am ehesten seine Sorgen vor das Ghr des Kaisersbringen konnte. Der Brief ist von allen vielleicht das besteZeugnis für das vaterländische Empfinden und die ahnungs-oolle Voraussicht kommenden Verhängnisses.

4. April IS17.

HochverehrteExzellenz. Die innere Lage in unserem Vater-lande macht mir große Sorge. Deshalb wende ich mich an EuereExzellenz mit diesem vertraulichen Briese.

Ich bezweifle keinen Augenblick, daß von zuständiger Stelle allesgeschieht, um die Situation, wie sie sich in Rußland herausgebildet hat,für uns zu nützen. Diese russische Revolution gibt uns vielleicht dieMöglichkeit, diesen Weltkrieg zu beenden und relativ günstige Friedens-bedingungen durchzusetzen.

Die deutsche Leistung in diesem Kriege ist märchenhaft. Wenn maneinen Blick auf die Landkarte wirst und sieht das kleine Deutschland ,das jetzt gegen die ganze Welt kämpft denn auch die paar kleinen,noch neutralen Staaten sind nicht unsere Freunde so ist das alles eingroßes Heldengedicht. Aber im Innern wird die Lage von Tag zuTag unerfreulicher.

Wenn wir gezwungen sind, die Brotration noch weiter herunter-setzen zu müssen, so werden Sie sich darüber klar sein, daß eine völligeUnterernährung der breiten Schichten Platz greift. Dabei soll es inÖsterreich noch schlimmer aussehen und, wie mir scheint, wird es vielleichtnotwendig sein, (Österreich noch von unseren Beständen etwas abzugeben.

Die Rede des Reichskanzlers im Abgeordnetenhause erschien aufden ersten Blick etwas zu groß angelegt, aber als nach einigen Tagendie Nachricht von der russischen Revolution kam, da war diese Rededoch wie eine Fügung Gottes, denn nach Bekanntwerden dieser Revo-lution hätte der Kanzler sie nicht mehr halten können, ohne den Verdacht

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