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Albert Ballin / Bernhard Huldermann
Entstehung
Seite
356
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zu erwecken, daß die russischen Ereignisse ihren Schatten in das preußischeParlament werfen. Leider hat man dieses glückliche Ereignis nicht ver-folgt. Der Kanzler hat im Gegenteil nach dem Husarenritt im Ab-geordnetenhaus« jetzt im Reichstage den Rückzug angetreten und dadurchden Eindruck geschaffen, daß die Stimmungen und Strömungen bei unswiderspruchsvoll sind und durcheinander wirbeln. Man hat bisher denPatriotismus hochgehalten trotz knurrenden Magens und kalter Stuben,indem man von der Wahlreform sprach, die kommen würde, und eswäre so einfach gewesen, dieses Versprechen zu unterstreichen undlediglich darauf hinzuweisen, daß während des Krieges doch zu viel aufdem Spiele stände und zu viel zu tun wäre, als daß man noch währenddieser Zeit die sorgsame Ausarbeitung dieser großen Vorlage erwartenkönne.

Wenn man dagegen aber das Fideikommißgesetz einbringt und gleich-zeitig ansagt, daß die polnischen Gesetze aufgehoben werden sollen, dannkann man eine solche Hinausschiebung nicht mehr rechtfertigen.

Es sieht fast aus, als ob man die Zeichen der Zeit nicht verstände.Es wird der Regierung mit dem preußischen Wahlrecht ebenso gehen,wie es einst ging mit den spbillinischen Büchern: Sie werden immerteurer, je länger man zögert, sie zu erwerben. Heute würde man miteinem Pluraiwahlrecht noch sehr gut durchkommen. Wenn der Kriegaber zu Ende ist, und die Sozialdemokralie ihre Leute demobilisiert,und eines abends 10000 Mann, geschmückt mit eisernen Kreuzen, ingroßen Demonstrationen auftreten läßt. so ist kein Halten mehr. Mansagt mir zwar, im Zeitalter des Maschinengewehrs gebe es keine Re-volutionen. Ich glaube nicht daran; ich glaube es noch weniger, seitwir die Ereignisse in Petersburg kennen. Daß das regierende Haus,und noch dazu in Rußland , so sang- und klanglos, ohne daß ein Groß-fürst oder ein Soldat die Hand aufhebt, verschwindet, gibt doch vielzu denken.

Verzeihen Sie, daß ich mit diesem sehr offenherzigen Schreiben mich