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Sir Edward Grey überhaupt zur Kenntnis des Kabinetts gebrachtworden ist. Dass die Unterlassung nicht beim deutschen Bot-schafter in London gelegen haben kann, geht aus dem französischen Gelbbuch (No. 144) hervor; dort berichtet- Paul Cambon unterdem 3. August, der deutsche Botschafter habe eine Mitteilung andie Presse versandt, besagend, dass, wenn England neutral bleibe,Deutschland auf jede Flottendemonstration verzichten und sich derbelgischen Küste nicht als Stützpunkt bedienen werde (l'Alle-magne renoncerait ä toute Operation navale et ne se servirait pasdes cötes beiges comme point d'appui).
Deutschland hatte also für die Neutralität Englands die Inte-grität Belgiens, Frankreichs und seiner Kolonien, ausserdem denVerzicht auf jede Flottenaktion gegen die französische Küste unddie französische Schiffahrt angeboten; aber auch um diesen Preis,und auch nicht um irgend einen anderen, wie Sir Edward klarheraussagte, war die englische Neutralität zu haben. „England will seine Hände freihalten" hiess alus der Sprache desCant in die Sprache der Aufrichtigkeit übersetzt: England islt gegenüber Frankreich bereits gebunden.
Am Tage der formellen und kategorischen Ablehnung der Neu-tralität unter irgendwelchen Bedingungen (1. August) machte SirEdward Grey an Paul Cambon folgende Eröffnung (GelbbuchNo. 126):
Er werde das Kabinett mit der ungenügenden Antwort Deutsch-lands in Sachen der Neutralität Belgiens befassen und die Ermäch-tigung verlangen, am Montag (3. August) im Unterhaus zu sagen,die britische Regierung werde eine Verletzung der belgischen Neu-tralität nicht dulden. Ausserdem seien die britischen Geschwadermobilisiert und er wolle seinen Kollegen eine Erklärung vorschla-gen, dahin gehend, dass die britische Flotte die Durchfahrt derdeutschen Flotte durch den Kanal oder — wenn diese Durchfahrtgleichwohl gelingen sollte — jede Demonstration an der fran-zösischen Küste verhindern werde.
Es ist nicht anzunehmen, dass es in England üblich ist, dassder Staatssekretär des Aeussern Anträge von weltgeschichtlicherTragweite, die er im Kabinettsrat zu stellen gedenkt, vorher demVertreter einer interessierten auswärtigen Macht mitteilt und auf