9
— 125 —
und bei seinen inländischen Banken grössere Beiträge zu placieren.Jedenfalls ist sicher, dass ein grosser Teil der Geldbeschaffungdurch die russische Reichsbank übernommen worden ist, derenStatus eine sehr starke Anspannung zeigt. Dass der russischeFinanzminister das dringende Bedürfnis nach der bisher allzukargen Hilfe seiner Verbündeten verspürt, beweist seine Bittfahrtzu seinen französischen und englischen Kollegen in Paris .
Wenn wir uns über die russische finanzielle Bedrängnis nichtzu wundern brauchen, so ist doch Frankreichs Unvermögen zu jederdurchgreifenden Aktion selbst für solche Leute erstaunlich, die —wie ich — seit langer Zeit die Finanzkraft und Finanzkunst diesesLandes mit einigen Zweifeln betrachteten. Frankreich hat bekanntlichkurz vor Kriegsausbruch im Juni 1914 eine 3Va prozentige Anleihevon 800 Millionen Franken herausgebracht. Es hat mit allenKünsten der Regie, auf die man sich in Paris ausgezeichnet ver-steht, eine 40 fache Ueberzeichnung arrangiert und dadurch einenüberwältigenden Scheinerfolg der erstaunten Welt vorgezaubert.Aber schon vor der kritischen Zuspitzung der politischen Ver-hältnisse hielt dieser Erfolg nicht Stich. Die Anleihe ging baldunter den Ausgabekurs herunter. Dann kam der Kriegsausbruch,und es stellte sich heraus, dass ein grosser Teil der Zeichner, diedie 40 fache Ueberzeichnung zuwege gebracht hatten, nicht in derLage waren, die fällig werdenden Einzahlungen zu leisten.
An eine neue Anleihe im Innland war unter diesen Umständenzunächst überhaupt nicht zu denken. Der französische Kapital-markt war total desorganisiert. So eröffnete Frankreich seinefinanziellen Kriegsoperationen mit einem gewiss nicht überwälti-genden Pump von zwei Millionen Pfund Sterling in London . Eserfolgten dann im November und Januar zwei kurzfristige Ope-rationen in London und New York , deren Gesamtertrag etwa20 Millionen Pfund Sterling ausmacht. An den Inlandsmarkt wagteman überhaupt nicht mit einer einheitlichen Finanzoperation her-anzutreten; vielmehr beschränkte sich der Finanzminister darauf,vom Oktober an Schatzscheine mit einer Laufzeit von drei biszwölf Monaten, je nach Wahl der Abnehmer, zum freihändigenVerkauf zu stellen. Das sind die sogenannten „Bons de la defensenationale", für die man in Frankreich nach dem Finanzminister