,22 Einleitung.
Wenn dem Gelehrten, nachdem er den Kreiß derWissenschaften schon ziemlich durchgelaufen ist, alleseine Bemühungen nicht die gehörige Genugthuungverschaffen: so bekommt er zuletzt ein Mißtrauen ge-gen die Gelehrsamkeit, insbesondre in Ansehung sol-cher Spekulationen, wo die Begriffe nicht sinnlichgemacht werden können, und deren Fundamenteschwankend sind, wie z. B. in der Metaphysik. Daer aber doch glaubt, der Schlüssel zur Gewißheitüber gewisse Gegenstand! müsse irgendwo zu findenseyn: so sucht er ihn nun beym gemeinen Verstände,nachdem er ihn so lange vergebens auf dem Wegedes wissenschaftlichen Nachforschcns gesucht hatte.
Allein diese Hoffnung ist sehr trüglich; denn wenndas cultivirte Vernnnftverm6gen in Absicht auf dieErkenntniß gewisser Dinge nichts ausrichten kann,so wird .es das uncultivirte sicherlich eben so wenig.In der Metaphysik ist die Berufung auf die Aus-spruche des geineinen Verstandes überall ganz lmzu-lassig, weil hier kein Fall in concrem kann darge-stellt werden. Mit der Moral hat es aber freylicheine andre Bewandtniß. Nicht nur können in derMoral alle Regeln in concrero gegeben werden, son-dcrn vie practische Vernunft offenbart sich auch über-haupt klarer und richtiger durch das Organ des ge-meinen als durch das des spekulativen Verstandes-gebrauchs. Daher der gemeine Verstand über Sachender Sittlichkeit und Pflicht oft richtiger urtheilt alsde/ spekulative.
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