Übler Zustand der preußischen Wehrmacht
145
versetzt wurden und deren Mißmut begreiflich erschien, wenn nicht ein großer,gemeinsamer Zweck für den Ruf zu den Waffen erkennbar war. An diesemaber fehlte es in dem politischen Wirrwarr.
Bekleidung und Ausrüstung der Armee ließen zudem viel zu wünschenübrig; manches davon war in den kleinen Feldzügen verbraucht, anderesbei den Unruhen zerstört worden. Ähnlich stand es mit der Bewaffnung,die sich bei der Infanterie und Artillerie gerade in der Umwandlung be-fand, als die politischen Wirren ausbrachen. So führten denn die Mehr-zahl der Bataillone noch glatte Perkussionsgewehre von 1839, Garde-füsiliere und Jäger zum Teil Zündnadelgewehre oder Thouveuinbüchsen.Für das zweite Aufgebot waren nur Gewehre allerältester Art vorhanden;seine Einkleidung follte aus den Überschüssen der anderen Truppen gedecktwerden, die aber unter den herrschenden Umständen schwer zusammen-zubringen waren. Die Artillerie führte zum Teil noch das alte Materialvon 1816. Der Pferdebestand der berittenen Truppen war niedrig.
Als die politische Spannung im Hochsommer 1850 begann und es sichdarum handelte, Kräfte bereitzustellen, um die Österreicher nötigenfallsschnell aus Mainz und Frankfurt a. M. zu verdrängen und zugleich diebei Aschaffenburg versammelten Bayern in Schach zu halten, mußte derKriegsminister Stockhausen erklären, er habe keine Linientruppen mehrverfügbar, und Landwehren zu solchem Zwecke einzuberufen, sei wegen derErntezeit höchst bedenklich. Erst auf mehrfaches Drängen verstärkte er dievorgeschobenen Truppen bei Kreuzn ach und Wetzlar um wenige tausendMann. Zu Beginn des Oktobers wurde die Lage immer ernster, Bayern drohte mit dem Einrücken in Hessen und geradezu mit Krieg. Auch jetztaber konnten nur 4000 Mann bei Erfurt versammelt und die Abteilungvon Kreuznach zu der von Wetzlar herangezogen werden, um diese auf10 000 Mann zu bringen. 3500 Mann vereinigten sich bei Paderborn ,und endlich machte der Kriegsminister sich noch anheischig, binnen vierzehnTagen bei Erfurt 27 000 Mann aufzustellen. Das waren die Maßregeln,mit denen man der Lösung einer großen politischen Frage entgegenging.
-i- 5
Am 11. Oktober verabredeten die Monarchen und leitenden Ministervon Österreich, Bayern und Württemberg zu Bregenz ein Schutz- undTrutzbündnis gegen Preußen und die Aufstellung eines Heeres von 200000Mann.
In der Ungewißheit, ob Krieg, ob Frieden sein solle, sowie aus Er-sparnisrücksichten waren die preußischen Truppen in ihrer Friedensstärke
Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II 10