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2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
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VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung

Dresden gestützte Verteidigung an der Elbe von 4 Armeekorps durchführenzu lassen, alle andern Truppen aber an den Rhein zu werfen. Er setztevoraus, daß sich die Süddeutschen an Preußen anschließen und mit derMainarmee vereinigen würden. Dann war der noch immobilen französi-schen Armee gegenüber eine hinreichende Überlegenheit verfügbar. Aberdas bisher Gewonnene hätte doch aufgegeben werden müssen. Auch waran Rußland zu denken, das einen Kongreß wünschte. Im Heere selbsterhob sich ein unheimlicher Feind, die schnell um sich greifende Cholera.Von der jetzt nur noch lau vorgehenden italienischen Armee, stand keinekräftige Unterstützung in Aussicht. Das alles gebot weises Maßhalten.Auf österreichischer Seite arbeitete der neue Chef des Generalstabes, Feld-marschalleutnant Frhr. v. John, mit Erfolg daran, den Kaiser Franz Josef und den Erzherzog Albrecht von den Gefahren eines ferneren Widerstan-des zu überzeugen. Nach Venedeks Eintreffen an der Donau , das sichwährend der Waffenruhe vollzog, standen 250000 Mann mit 840 Ge-schützen zur Verteidigung der Hauptstadt bereit, mehr als Preußen zumAngriff zur Hand hatte. Aber noch fehlte das rechte Vertrauen zu dieserArmee, deren bei weitem größter Teil nur Niederlagen erlebt hatte.

Graf Benedetti, der im letzten Augenblick mit Frankreichs geheimen An-sprüchen auf das linke Rheinufer hervortrat, ward von Bismarck persön-lich abgeschreckt:Machen Sie mir heute keine amtliche Mitteilung vonder Art!" und die bereit liegende Urkunde für den Präliminarfriedenwurde unterzeichnet, die Waffenruhe bis zum 2. August verlängert unddanach ein vierwöchentlicher Waffenstillstand geschlossen.

Am 23. August folgte der endgültige Abschluß zu Prag , der am 30.von den beiden Negierungen bestätigt wurde. Die Bedingungen hattenkeine Veränderung erfahren. Österreich stimmte der Einverleibung Schles-wig-Holsteins in Preußen, Venetiens in Italien , der Bildung einesnorddeutschen Bundes unter Preußens Führung, und eines selbständigensüddeutschen Bundes zu, verpflichtete sich auch zu einer mäßigen Kriegs-kostenzahlung. Sachsen blieb unverändert bestehen. Österreich erlitt keinenGebietsverlust zu Gunsten Preußens. Mit der Einverleibung Hannovers ,Kurhessens, Nassaus sowie der freien Stadt Frankfurt gewann Preußen rund 1300 deutsche Quadratmeilen mit 3170 362 Einwohnern die be-deutendste Erwerbung, die es mit einem Schlage bisher gemacht hatte,wenn man von den Rückeroberungen und Ausgleichen der Freiheitskriegeabsieht. Frankreich hatte einstweilen das Nachsehen.

Alsbald begann der Transport der preußischen Truppen nach der Hei-mat. Der König, vom Kronprinzen begleitet, verließ am 4. August den