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2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
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VII. Der Norddeutsche Bund

zollern in Preußen gar nicht erbberechtigt war, galt den Erregten nichts.Der verhaßte Nachbarstaat sollte vor der Welt gedemütigt werden. Selbstdie Entsagung des Prinzen, der die Annahme zugesagt hatte, falls dieCortes ihn wählten, wurde nach wenig Tagen schon für ungenügend erklärt.Preußen sollte Zugeständnisse machen, die es nicht machen konnte, wie dieRäumung von Mainz und das Aufgeben jedes militärischen Einflusses inSüddeutschland.

Die durch den französischen Botschafter an den in Bad Ems weilendenKönig Wilhelm I. gestellte Forderung, den Prinzen zum Verzicht zu nötigen,wies dieser mit ruhiger Würde zurück. Er als König von Preußen hättemit der Angelegenheit nichts zu tun; doch würde er sich freuen, wenn derPrinz aus eigenem Antriebe verzichtete. Das geschah am 12. Juli. Den-noch folgten am 13. neue Forderungen, bestimmt, des Königs und damitPreußens Würde zu nahe zu treten. Wilhelm I. sollte sich bekanntlichverpflichten, die hohenzollernsche Kandidatur nie wieder zuzulassen. Wiewenig kannte man den königlichen Helden, der bei aller Herzensgüte dochdie tiefste und ernsteste Auffassung von seinem hohen unverletzlichen Amtein sich trug. Er lehnte das zudringliche Ansinnen kurz ab und ließ demGrafen Benedetti mitteilen, daß er ihmnichts weiter zu sagen habe."

Die Darstellung dieser Vorgänge faßte Bismarck in der historischenEmser Depesche zusammen, die am 14. Juli in allen Zeitungen erschien.Sie teilte der Welt die nackte Tatsache der Abweisung Frankreichs mit.Noch an demselben Tage rief die französische Regierung die Reserven zuden Fahnen ein; am 15. früh beschloß sie den Krieg. Sie war schon zuweit gegangen, um anders handeln zu können.

Zeit zu Kriegsvorbereitungen war nicht mehr vorhanden. Alle Mängeloder Vorzüge der bestehenden Kriegsverfassung kamen daher unverfälschtzur Geltung. Frankreich hielt seine Armee für arooivrSts. Sie mag esauf dem Papier auch gewesen sein, war es aber nicht in Wirklichkeit;denn sie befand sich seit 1868 in der Umformung. Marschall Niel, da-mals Kriegsminister, hatte mit der schleunigen Einführung eines Hinter-ladegewehrs und der Aufstellung einer ,Aaräs nationale nwdilk" zurVerstärkung der Feldarmee begonnen, starb aber inmitten dieser Arbeitschon am 13. August 1869. Sein Tod scheint für die Reform verhäng-nisvoll gewesen zu sein.

Für eine innere Umwandlung des Heerwesens war die Zeit seit 1866zu kurz gewesen. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hatte derKaiser nicht durchsetzen können. Junge, nach der Losnummer Ausgehobenedienten noch neben bejahrten Stellvertretern. Im Mannschaftsstand fehlten