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VIII. Der Krieg von 1870/71
waren schon zuvor von der preußischen Kavallerie überrascht nnd gefangengenommen, Mobilgarden entwaffnet und entlassen Morden. 2S Geschützewurden erbeutet. Ohne weitere Störungen ging der Marsch vorwärts.Am 16. September langte die Maasarmee bei Nanteuil, nordöstlich (vergl.Skizze 6») die 3. Armee zwischen Meaux und Brie-Compte-Robert aufder Ostseite von Paris an. Alle Vorbereitungen für die Einschließungwurden getroffen und Brücken über Marne und Seine geschlagen, einBrückenkopf bei Villeneuve St. Georges angelegt. Der König nahm seinHauptquartier in Meaux. (S. Skizze 50.)
Die Befestigungen von Paris stammten noch aus der Zeit der glattenGeschütze. Die vorgeschobenen Werke lagen der Hauptumwallung zu nahe,um die Stadt gegen eine Beschießung sichern zu können. Man hat daherspäter getadelt, daß die Deutschen nicht sofort zu einer Beschießung ge-schritten seien; aber die Heranschaffung des dazu notwendigen Geräts nndSchießbedarfs wäre eine Riesenarbeit gewesen, zu deren Bewältigung dieMittel fehlten. Mit Feldgeschützen konnte ein erheblicher Eindruck nichtgemacht werden. Schwere Stücke in großer Zahl mußten herangeschafftwerden, dazu war die freie Verfügung über die rückwärtigen Verbindungs-linien notwendig. Die deutschen Heere beherrschten aber im Augenblickauf französischem Boden erst eine Eisenbahnlinie, und diese endete beiToul . Sie war durch die Ernährung und Versorgung der Feldarmee,sowie zur Fortschaffung der Kranken und Verwundeten aufs äußersteüberlastet.
Wenn Toul fiel, so bildete die Sprengung des Tunnels von Nanteuil-sur-Marne, 60 kni östlich Paris , ein Hindernis, das sich erst in geraumer Zeitdurch schwierige Arbeiten beseitigen ließ. An ein Bombardement war da-her zunächst nicht zu denken. Ob es zum Ziel geführt hätte, mag dahin-gestellt bleiben. Nach den späteren Erfahrungen ist man geneigt, die Fragezu verneinen.
Standen die Werke von Paris, durch König Louis Philipp erbaut, auchnicht mehr auf der Höhe der Zeit, so waren sie doch recht verteidigungs-fähig und wohl ausgerüstet. Der Platz verfügte über nicht weniger als2526 Geschütze, wovon etwa 200, der Marine entnommen, schwerstenKalibers waren. Jedes Geschütz besaß eine Ausrüstung von 500 Schuß;Pulvervorräte waren reichlich vorhanden. Zur Verteidigung standen dasganze 13. und 14. Korps, also 50000 Mann Linientruppen, bereit, außerdem14000 besonders tüchtige Marinesoldaten und Matrosen, Gendarmen undZollwächter, Förster, denen sich dann noch 115 000 Mobilgarden anschlössen.Die Nationalgarde stellte 130 Bataillone auf, die freilich mangelhaft be-