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VIII. Der Krieg von 1870/71
der Hauptstadt, in Einklang zu bringen. Den Führern mußte noch mehrSelbständigkeit als bisher gelassen werden. General v. Moltkes Einflußhatte sie zugleich vor zu gewagtem Handeln zu bewahren, das den Erfolgdes Ganzen gefährdete. Andererseits mußte er vor einem zu behutsamenVerfahren warnen, das dem Feinde erlaubte, die Kräfte zu neuen großenEntsatzversuchen aufzubringen. Er entledigte sich dieser schwierigen Doppel-aufgabe meist durch Schreiben an die Generalstabschefs, in denen all-gemeine Gesichtspunkte aufgestellt, aber keine bindenden Vorschriften gegebenwurden. Sie bilden eine Fundgrube für das Studium des modernen Krieges.
Befehle konnten, aus der Ferne erteilt, nur eine ganz allgemeine Formhaben. Sie waren meist in wenig Worten erledigt; der Telegraph be-gann in der Heerführung eine immer wichtigere Rolle zu spielen.
Trotz allen Schwierigkeiten bewahrte sich Moltke die Freiheit und denweiten Blick für die erreichbaren Möglichkeiten in der Ausnutzung desErfolges. Am 6. Dezember teilte er dem General v. Stichle seine An-sichten über die Wiederaufnahme der ursprüglich beabsichtigten, aber unter-brochenen großen Offensive mit. Sie sollte Bourges , Revers, ClMon-sur-Saünezum Ziele haben, das 7. Korps sowohl als Werder sich ihr anschließen.Äußerste Ausnutzung der letzten Siege durch lebhafte Verfolgung ohneRücksicht auf Paris , energischer Angriff auf die größeren Massen, die derFeind noch beisammen hatte, als bestes Mittel zur Bekämpfung der Volks-erhebung, zugleich zur Sicherung der rückwärtigen Verbindungen, Vernich-tung der letzten Feldarmee — und „des Prestiges der noch nie vom Feindeüberschrittenen Loire ".
Die Wirklichkeit schränkte ihre Befolgung jedoch diesmal wesentlich ein.In Orleans wurde sich das Oberkommando der H. Armee darüber klar,daß die eigene Armee wie ein Keil in die an Zahl weit überlegenenStreitkräfte des Feindes hineingedrungen sei, sie auch auseinander getrieben,aber nicht vernichtet habe. In allen Marschrichtungen nach West, Südund Ost stießen die vorgetriebenen Patrouillen auf französische Nachzüglerder verschiedenen Korps. Es war anfänglich nicht völlig klar, wohin sichdiese im einzelnen gewendet hatten. Am wenigsten ließ sich übersehen,was auf dem rechten französischen Flügel vorging. Noch dachten PrinzFriedrich Karl und sein Generalstabschef an die Möglichkeit der mehrfachangekündigten großen Offensive den Loing abwärts nach Fontainebleau undParis . Die Gefahr lag vor, daß die II. Armee bei weiterer Verfolgungvon einem Teile der französischen Heere gefesselt und abgezogen werdenkönne, während der andere sich seitwärts auf den Weg nach Paris machte.Heute wissen wir, daß die Franzosen in jenen Tagen dazu unfähig waren,