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2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
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VIII. Der Krieg von 1870/71

Erfolg an. Die 17. Division ging abermals gegen seine rechte Flankevor. Sie nahm nach erbittertem Kampfe das dort gelegene und von derfranzösischen rechten Flanke stark besetzte Dorf Villejouan. Die Versuchedes 17. französischen Korps, den verlorenen Posten wiederzunehnien,scheiterten an der deutschen Artillerie

Auf dem linken Flügel war inzwischen das 10. Korps in Beaugency eingerückt; der rechte schwebte noch in der Luft. Dort nun regte sich andiesem Tage das 21. französische Korps und holte zu einer weiten Um-fassung aus, die von den Deutschen in einer Hakenstellung abgewehrtwerden mußte. Auch hierbei entschied die Artillerie. An 100 Geschützewurden bis 2 Uhr nachmittags zusammengebracht und ihr Feuer nötigteschon nach einer Stunde die Franzosen zum Ablassen von dem gefahr-drohenden Angriff.

Auch dieser Tag endete ohne Entscheidung. Sie kam aus anderenGründen. Chanzy, der gehofft hatte, durch den wiedervorgehenden Bour-baki entlastet zu werden, erfuhr, daß er darauf nicht rechnen könne.Die Regierungsdelegation war nicht mehr in Tours, er also auch nichtmehr durch die Rücksicht auf sie gebunden. Die Truppen litten, und ihrinnerer Halt fing an, sich zu lösen; das Eintreffen frischer Kräfte aufdeutscher Seite war gespürt worden. Das 9. Korps erreichte am 10. dieVorstadt Vienne, Blois gegenüber, das 10. war schon mit seiner Artilleriein Tätigkeit getreten. Trotz seiner Zähigkeit und Energie entschloß sichChanzy zum Rückzüge über den Loirfluß, hinter dessen tief eingeschnit-tenem Tale er den Widerstand zu erneuern gedachte.

In den dreitägigen Kämpfen, in denen sich die Armeeabteilung gegeneine dreifache Übermacht behauptete, hatte die Artillerie die Hauptrollegespielt. An ihrer Ausdauer und der Wirksamkeit ihres Feuers warenam Ende alle französischen Angriffe gescheitert; sie konnte auch vorüber-gehende Rückschläge, die bei der Infanterie eintraten, immer wieder aus-gleichen und den Kampf zum Stehen bringen. Aber mit dieser hervor-ragenden Rolle der Artillerie begann sich der Charakter des Kampfes zuändern. Die Geschützzahl blieb die gleiche, die Infanterie schmolz unterden Anstrengungen und Verlusten des Krieges reißend. Der Ersatz ausder Heimat kam bei der Schnelligkeit des Vormarsches nicht heran. Inden Kämpfen von BeaugencyCravant hatte sie meist die Dörfer besetzt;die Geschützlinien füllten die Zwischenräume. Die Infanterie sank mehrund mehr zur Bestimmung einer Artilleriebedeckung hinab; die großartigenEntscheidungskämpfe, wie in der ersten Hälfte des Krieges, blieben aus.Die Gefechte und Schlachten nahmen einen schleppenden Charakter an.