608
IX. Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht
das jährliche Rekrutenkontingent für Heer und Marine zusammen auf230000 Mann. Das war eine mächtige Abhilfe, wenn sie auch beidem weiteren Wachstum der Bevölkerung nicht für alle Zeit ausreichenkonnte. Die Halbbataillone hatten die besondere Bestimmung, alle nichtzur vollen Dienstzeit Eingestellten auszubilden, um für die Wieder-holungsübungen des Beurlaubtenstandes einen festen Rahmen abzugeben.Zugleich sollten sie den Stamm für die Aufstellung der Reservetruppenim Kriege bilden. Die Einrichtung war recht gut. Trotzdem ward sieeinige Jahre darauf, am 1. April 1897, durch die Zusammenlegung derHalbbataillone in Vollbataillone geändert und damit allerdings wieder einegrößere Gleichmäßigkeit in der Organisation des Friedensstandes herbei-geführt.
Die großen Neuerungen brachten natürlich eine vermehrte Anstrengungim Militärstande mit sich. Die Rücksicht auf die verkürzte Dienstzeitließ zunächst die 6—8wöchige Ruhepause verschwinden, die ehedem zwischender Entlassung des ausgedienten Soldaten und der Einreihung des jungenSoldaten lag. Die Arbeit von Offizieren und Unteroffizieren erfuhr eineerhebliche Steigerung, aber sie konnte verlangt werden, ohne daß ihreTreue und ihr Eifer darunter Einbuße erlitt. Im Gegenteil! Von jenemZeitpunkte rührt der heutige intensive Dienstbetrieb her. War die zwei-jährige Dienstzeit auch nur versuchsweise eingeführt worden, um zu er-proben, ob sie sich bewähren würde, so begriff von vornherein doch jeder-mann schon, daß nach wenig Jahren die Rückkehr zur dreijährigen Dienst-zeit untunlich sein werde. Das wirtschaftliche Leben der Nation hättedadurch einen zu empfindlichen Stoß erlitten. Die zweijährige Dienstzeitmußte sich also bewähren, und sie hat sich bewährt, dank den Lehrern undFührern des Heeres.
Nicht umsonst hatte der Kaiser sich an die alte Pflichttreue des Offizier-korps gewendet. Bei Ablauf des ersten Jahrzehnts seiner Regierung ver-mochte er dies freudig anzuerkennen: „Ich habe die feste Überzeugung,daß in den letzten zehn Jahren durch die aufopfernde Hingabe der Offi-ziere und Mannschaften in treuer hingebender Friedensarbeit die Armeeauf dem Stande erhalten worden ist, in dem ich sie von meinen hoch-seligen Vorfahren überliefert bekam." Eine Besserung der Lage von Offi-zieren und Unteroffizieren hatte mit der Erhöhung der AnforderungenSchritt gehalten. Das Unteroffizierkorps wurde in seiner gesellschaftlichenStellung, als Entgelt für die vermehrte Last, ansehnlich gehoben.
Die reißenden Fortschritte der Technik, die etwa gleichzeitig mit derVermehrung von 1893 einsetzten, vermehrten noch erheblich die Arbeit.