Neue Anforderungen an die Ausbildung
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die mit der Regierung Kaiser Wilhelms II. einsetzte, wurde als nationaleNotwendigkeit begriffen und seither immer kräftiger entwickelt.
Abermals veränderte Bedingungen für die Kriegführung traten zuEnde des Jahrhunderts durch die erstaunlichen Fortschritte in den Ver-kehrsmitteln ein. Das bekannte Kaiserwort: „Die Welt am Ende des19. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen des Verkehrs — er durchbrichtdie Schranken, welche die Völker trennen und knüpft zwischen den Nationenneue Beziehungen an", hat sich bewahrheitet und auch auf die Krieg-führung übertragen. Der Verkehr innerhalb eines Heeres und mehrererHeere mit einander wird durch die Mittel der Neuzeit so erleichtert undvervollkommnet, daß die Führung trotz des Anwachsens der Massen dochwieder an Sicherheit der Beherrschung aller Teile des Ganzen gewonnenhat. 1898 trat das Fahrrad in den Dienst der Armee; bald folgte dasäußerst brauchbare Motorrad. Die Kraftwagen, deren Beweglichkeit imsreien Gelände von Jahr zu Jahr zunimmt, bilden für den Heerführerein Mittel von hohem Wert. Fernsprechtrupps, Funkspruch und draht-lose Telegraphie vermitteln Nachrichten, die früher einen vollen Gefechtstagbrauchten, jetzt in wenig Minuten über die ganze Feldarmee hinweg.Flieger und Luftschiff erkennen, was früher verborgen war. Sie zwingendie Truppe, auf Deckung nach oben hin bedacht zu sein. Welche Rollesie als Kampfmittel zu spielen berufen sind, wird die Zukunft lehren.Die deutsche Erfindungsgabe kann uns darin eine Überlegenheit über unsereGegner sichern, zumal wenn wir eine geordnete Luftflotte bauen und eineheimische Industrie großen Stils möglich machen, die im Bedarfsfalle vonandern nicht eingeholt werden kann.
Auch die heutige Landesbefestigung, die im Jahre 1893 nach ganz neuenPlänen begann, und die dabei bevorzugte Anwendung von Panzerbauten— den großartigsten der Gegenwart — gehören zu den neuen Errungen-schaften im Kriegswesen. Ihr liegt der Gedanke zugrunde, den eigenenFeldheeren die völlige Freiheit der Bewegung in ihren Operationen zusichern, sie denen des Feindes aber zu rauben. Das führte zur künst-lichen Vorbereitung ganzer Kriegstheater.
Organisatorisch bildete den Jahrhundertabschluß das Gesetz vom 25. März1899, das den Friedensstand auf rund 510 000 Mann erhöhte und nebeneinigen Vermehrungen die Einteilung des Heeres den Bedürfnissen derZeit entsprechend neu ordnete. Ein 18. und 19., sowie ein 3. bayerischesKorps entstanden. Die hohe Zahl hatte zuvor schon die Schaffung derArmeeinspektionen notwendig gemacht.
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