Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
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Sir Edward beurteilte die Lage zunächst mit voll-kommener Ruhe und versprach mir wiederholt, inPetersburg im gedachten Sinne zu wirken. Er erklärtemir auch ebenso wie später, daß er sich in die ganzeAngelegenheit solange nicht einmischen wolle, als essich lediglich um einen österreichisch-serbischen Streithandele.

Diesen Streit zulokalisieren", liege auch imbritischen Interesse. Gelänge dieseLokalisierungaber nicht und entwickele sich die serbische Fragezu einem österreichisch-russischen Streite, so sei derAugenblick gekommen, wo die nicht direkt beteiligtenMächte vermitteln sollten.

Da ich nicht an dieLokalisierung des Konfliktesglaubte, habe ich während dieser Zeit wiederholt inBerlin vor einer gefährlichen und abenteuerlichen Po-litik gewarnt und zur Mäßigung geraten. Herr vonJagow erwiderte mir u, a., je fester wir zu Österreich stünden, um so eher würde Rußland nachgeben.

Die Bekanntgabe des österreichischen Ultimatumsan Serbien erregte in London lebhafte Beunruhigung.Die österreichisch-ungarische Botschaft machte keinHehl daraus, daß das Ultimatum eine Fassung erhaltenhatte, die auf Ablehnung berechnet war. ImForeign Office erklärte man mir, daß die Forderungendes Ultimatums einen Eingriff in die souveränen RechteSerbiens bedeuteten. Man fand die Forderungen über-trieben, ja sogar unerhört und teilweise auch un-geschickt. Ich begegnete sehr abfälligen Äußerungenüber die Wiener Staatsmänner und Staatskunst, imallgemeinen aber einer ruhigen und noch immer zu-versichtlichen Stimmung für die Erhaltung des euro-päischen Friedens. Ich drängte energisch auf be-dingungslose Annahme des Ultimatums. Suppenwürden nie so heiß gegessen wie gekocht, und die

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