nicht wollten. Damals handelte es sich nicht um Ser-bien selbst, sondern um ein Gebiet, das Rußland imReichstadter Vertrag den Österreichern eingeräumthatte, und das sich tatsächlich seit 1879 im BesitzeÖsterreichs befand. Trotzdem wurde in Petersburg dieendgültige Einverleibung als Demütigung empfundenund verursachte dort gewaltige Erregung. Der Grollhierüber gegen uns und Österreich-Ungarn, der nieganz verschwand, führte zu vermehrten Rüstungen,verbunden mit dem offen ausgesprochenen Entschluß,kein zweites Mal der „schimmernden Wehr" zu wei-chen. Über diese Frage haben die russischen Staats-männer niemals Zweifel aufkommen lassen, sie be-trachteten den Angriff auf Serbien als casus belli, „unequestion de vie et de mort“, wie Herr Sasonow sagte,und sie waren hierzu um so mehr in der Lage, als nachder erfolgten Aussöhnung mit Japan der im Jahre 1907mit England über die asiatischen Fragen geschlosseneVertrag die russische Politik im Osten entlastete. Dermit unserer Unterstützung unternommene öster-reichisch-ungarische Angriff auf Serbien mußte in Ruß-land als Herausforderung aufgefaßt und entsprechendbeantwortet werden, da sonst das Zarentum, das sichnicht auf Demokraten und Juden, sondern auf die„echt russischen Leute", das heißt auf die nationali-stische orthodoxe Richtung stützt, seinen Boden unterden Füßen verliert. Es war daher von Anbeginn un-begreiflich, wie man ernstlich an eine „Lokalisierungdes Konfliktes" glauben konnte.
Man hält mir entgegen, es handele sich um eine be-rechtigte Sühne für den „Fürstenmord“.
Der Mord in Sarajewo war nur eine der Erschei-nungen, die den seit Jahren bestehenden Gegensatzzwischen Österreich-Ungarn und Serbien kennzeich-nen. Dieser Gegensatz entwickelte sich sowohl aus
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