Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
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Politik ist und bleibt der europäische Orient. Dieslawisch-orthodoxe Welt hatte sich daran gewöhnt,im Zaren einen Schutzherrn, ihr politisches, geistigesund gewissermaßen geistliches Oberhaupt zu sehen.

Die Mission des Protektorats der Orthodoxie hatsich mit der Krone des russischen Selbstherrschersverbunden", sagt Fürst Trubetzkoi in seinem lesens-werten BuchRußland als Großmacht". Dazu kommtder theokratische Charakter, der den mehr orienta-lischen Staatsgebilden im Gegensatz zu den rationa-listischen Verfassungen des Westens anhaftet. DieStellung des Zaren seinem eigenen Volke gegenüberberuht gewissermaßen auf dem mystischen Nimbus, derdie russische Krone als Beschützerin der Rechtgläu-bigkeit und des Slawentums umgibt, und es ist ein-leuchtend, daß der Zar ohne schwere Einbuße an sei-nem Ansehen, ohne Gefährdung seines Thrones, aufdiese Mission nicht verzichten konnte, auf der nachrussischer Auffassung die Stellung Rußlands als euro-päische Großmacht im wesentlichen beruht. Hierzukommen Bande des Glaubens und Blutes und eine inder Geschichte Rußlands , dessen Kultur bekanntlichaus Byzanz stammt, begründete Tradition, die dasZarentum als Nachfolger der oströmischen Kaiser er-scheinen ließ. Noch heute befindet sich der byzanti-nische Doppeladler im russischen Wappen, und dievielen Kriege, die Rußland zur Befreiung der ortho-doxen Brüder geführt, beweisen, daß Rußland dieSerben nicht preisgeben würde, selbst wenn wir sieinsgesamt zuFürstenmördern" stempelten.

Die Erfahrung ferner, die wir bei der Annexions-krise des Jahres 1908 gemacht, als es nur mit Mühegelang, den Krieg zu verhindern, vornehmlich weilRußland durch seinen Japanfeldzug geschwächt war,hätten zur Vorsicht mahnen sollen, falls wir den Krieg

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