was um so leichter möglich war, als es an einemeigentlichen Interessengegensatz zwischen uns fehlt.Im Gegenteil, es gibt manche gemeinsame Berührungs-punkte zwischen uns und Rußland , wie in der polni-schen Frage, die nach einem bekannten Worte dieblutige Grundlage bildet für die deutsch -russischeFreundschaft, und ferner in dem monarchischen Ge-danken. Auch darf nie vergessen werden, daß Ruß-land gar kein Interesse hatte an der Verwirklichungder französischen Revanche, da der Besitz Elsaß-Loth-ringens und die Zertrümmerung Deutschlands die Vor-aussetzungen zerstören mußten, auf denen die fran-zösische Unterwürfigkeit und Freigebigkeit gegen Ruß-land beruhten. Die russische Politik konnte den Re-vanchegedanken schwer entbehren, daher mußte ihralles zuwider sein, was diesem Gedanken den Nähr-boden entzieht. Rußland wollte uns daher nicht be-kriegen, ebensowenig aber kann es die ZertrümmerungFrankreichs zulassen, um nicht allein uns gegenüber-zustehen und von uns abzuhängen.
Die Voraussetzungen des Bündnisses mit Öster-reich haben sich seither nicht unwesentlich verschoben,die Wahrscheinlichkeit eines Krieges nach zwei Fron-ten war immer geringer geworden, dank dem Geburten-rückgang in Frankreich und infolge der AblenkungRußlands durch asiatische Interessen. Die Politik desFürsten Gortschakow, der noch im Sinne Nikolaus I.Rußland eine überragende Stellung innerhalb der euro-päischen Staatengemeinschaft sichern wollte, hatteder russischen „Weltpolitik" Platz gemacht, die sichgegen Japan und England richtete. Nicht wir warenvon Rußland bedroht, sondern Österreich , das Rußlandals den Gegner der freien Entwicklung des Serben-volkes betrachtet.