weiß, auch solche für das von ihm vertretene Land ge-winnen. Vor allem muß er Urteilskraft be-sitzen und in der Lage sein, Menschen und Dingerichtig einzuschätzen und für seine Zwecke aus-zunützen. Dann kann er seiner Regierung dienen undsie richtig beraten, vorausgesetzt natürlich, daß dieseauf ihn hört und ihm nicht Schwierigkeiten bereitetund entgegen arbeitet. Die Verantwortung für denGang der Politik trägt aber nicht er, sondern dieRegierung, die die Politik bestimmt, ihn trifft nureine Verantwortung, wenn seine Berichte auf irri-gen Voraussetzungen beruhen. Werden seine War-nungen und Ratschläge aber mißachtet und findeter keine Unterstützung, so trifft ihn kein Vorwurf,wenn die Politik einen verhängnisvollen Laufnimmt. Nicht unsere Diplomaten sind schlechter alsdie anderer Länder, die teilweise auch schwach sind,es ist die Methode, die falsch ist, die unsere Poli-tik verfolgt. Statt eines klaren Programms, das dieMachtverhältnisse sowie die Interessen und Empfin-dungen unserer Nachbarn und Mitmenschen in Er-wägung zieht, unter Berechnung des Eindrucks, denunsere Stellung auf sie ausübt, haben wir uns in Kraft-proben und Eitelkeitserfolgen bewegt, haben durchDrohungen, gelegentliche Rippenstöße und Fanfaro-naden einzuschüchtern und zu imponieren versucht.Diese Politik hat eine Atmosphäre der Beunruhigunggeschaffen, deren Äußerungen wir feindliche Absich-ten zugrunde legten.
„Bundestreue“ und „Waffenbrüderschaft“ sind ge-wiß wertvolle Begriffe, sie erschöpfen aber keineswegsdie Bedürfnisse realer Politik. Sie genügen für Redenbei Kaisergeburtstags- oder Kriegervereinsfesten, abernicht für unsere politische Orientierung. Was ichschon während der Konferenz befürwortete, war eine
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