Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
66
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größere Schonung russischer Empfindlichkeiten, keinebedingungslose Identifizierung mit der antiserbischenPolitik Österreichs. Letztere mußte, falls das Wiener Kabinett unserer Gefolgschaft sich sicher fühlte, überkurz oder lang zum Zusammenstoß mit Rußland , zurKatastrophe führen, da nun einmal Rußland , mit Rechtoder Unrecht, aber tatsächlich auf den Schutz der ser-bischen Brüder und der unabhängigen Entwicklung derBalkanstaaten nicht verzichten wollte, und die russi-schen Staatsmänner über diese Frage keinen Zweifelließen.Dans la vie comme en politique il faut savoirse mettre au point de vue des autres", sagte mireinmal sehr treffend Herr Paul Cambon .

Die Politik, die wir diesen Sommer trieben, als wirfünf Millionen deutscher Streiter dem greisen FranzJosef zur Sühne seines Familienverlustes zur Ver-fügung stellten, gehört in das Gebiet der Romantikund erinnert an die Kriege früherer Jahrhunderte, diewegen fürstlicher Familienzwiste entbrannten, oder andie Kreuzzüge, die das Grab des Herrn von den Un-gläubigen befreien sollten, oder auch an den Trojani-schen Krieg, der zur Sühne der gekränkten Gatten-ehre des Königs Menelaus unternommen wurde. Mitdeutschen Interessen aber hatte weder der Mordnoch die Unterwerfung Serbiens durch Österreich etwas zu tun, und die Haltung, die wir einnahmen, wardie letzte verhängnisvolle Folgerung einer mißverstan-denen Bundespolitik, die in dieser Form, wie ich wie-derholt in meinen Berichten darlegte, mehr Gefahrenals Vorteile in sich barg.

Was ich befürwortete, war zwar Schutz Österreichs ,aber Zurückhaltung gegenüber der serbischen Frage,die lediglich eine Privatangelegenheit unseres Ver-bündeten sein durfte. Über diesen Punkt mußten wirweder in Wien noch in Petersburg einen Zweifel las-