dem ich Wien als Gesandter verließ. Meine letzte po-litische Wirksamkeit war eigentlich dort gewesen, daman damals im Amte zu keiner Betätigung gelangenkonnte, ohne nach den Weisungen eines Mannes, deran Wahnvorstellungen litt, schrullenhafte Erlasse mitkrausen Instruktionen zu verfassen.
Auf wen eigentlich meine Berufung nach London zurückzuführen war, weiß ich nicht. Auf S. M. alleinkeinesfalls, denn ich gehörte nicht zu seinen Intimen,wenn er mir auch stets mit großem Wohlwollen be-gegnete. Aus Erfahrung weiß ich auch, daß seineKandidaten meist mit Erfolg bekämpft wurden. Herrv. Kiderlen wollte eigentlich Herrn v. Stumm nachLondon schicken! Er begegnete mir sofort mit un-verkennbarem Übelwollen und suchte mich durch Un-höflichkeit einzuschüchtern. Herr v. Bethmann Holl-weg brachte mir damals freundschaftliche Gesinnungenentgegen und hatte mich kurz vorher in Grätz besucht.So glaube ich, daß man sich auf mich einigte, weilkein anderer Kandidat augenblicklich zur Verfügungstand. Wäre nicht Baron Marschall unerwartet ge-storben, so wäre ich damals ebensowenig hervorgeholtworden, wie in den vielen vergangenen Jahren.
Marokkopolitik
Der Augenblick war zweifellos günstig für einenneuen Versuch, um mit England auf bessern Fuß zugelangen. Unsere rätselhafte Marokkopolitik hattewiederholt das Vertrauen in unsere friedlichen Ge-sinnungen erschüttert, zum mindesten aber den Ver-dacht erregt, daß wir nicht recht wußten, was wirwollten, oder daß wir beabsichtigten, Europa in Atemzu erhalten und die Franzosen gelegentlich zu de-mütigen. Ein österreichischer Kollege, der lange in
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