Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
106
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Gleichzeitig tagte in London die Balkan -Konferenz,und ich hatte Gelegenheit, mit den Leitern derBalkanstaaten in Fühlung zu treten. Die bedeutendstePersönlichkeit war wohl Herr Veniselos. Er war da-mals nichts weniger als deutschfeindlich, besuchtemich wiederholt und trug mit Vorliebe und sogar aufder französischen Botschaft das Band des Roten Adler-ordens . Von gewinnender Liebenswürdigkeit mit welt-männischem Auftreten wußte er sich Sympathien zuverschaffen. Neben ihm spielte Herr Danew, der da-malige bulgarische Ministerpräsident und Vertrauens-mann des Grafen Berchtold, eine große Rolle. Ermachte den Eindruck eines verschlagenen und energi-schen Mannes, und es ist wohl nur dem Einfluß seinerWiener und Pester Freunde zuzuschreiben, über derenHuldigungen er sich gelegentlich belustigte, daß ersich zu der Torheit des zweiten Balkankrieges ver-leiten ließ und die russische Vermittlung ablehnte.

Auch Herr Take Jonescu war öfters in London und besuchte mich dann regelmäßig. Ich kannte ihnvon der Zeit her, da ich Sekretär in Bukarest war.Er gehörte auch zu den Freunden des Herrn v. Kider-len. In London war er bestrebt, durch Verhandlungenmit Herrn Danew Zugeständnisse für Rumänien zuerreichen und wurde dabei von dem sehr befähigtenrumänischen Gesandten Misu unterstützt. Daß dieseVerhandlungen an dem Widerstande Bulgariens scheiterten, ist bekannt. Graf Berchtold (und natür-lich wir mit ihm) war ganz auf Seiten Bulgariens , sonstwäre es wohl gelungen, den Rumänen die gewünschteGenugtuung durch einen Druck auf Herrn Danew zuverschaffen und uns Rumänien zu verpflichten, dasdurch die Haltung Österreichs während des zweiten