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1 (1927)
Entstehung
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für das russische Selbstbewußtsein. Wie 1878 und1908 hatten wir uns dem russichsen Programm ent-gegengestellt, ohne daß deutsche Interessen im Spielewaren. Bismarck wußte die Fehler des Kongressesdurch den geheimen Vertrag und durch seine Haltungin der Battenberg-Frage zu mildern; die in der bos-nischen Frage wieder betretene abschüssige Bahnwurde in London weiter verfolgt und später, als siezum Abgrund führte, nicht rechtzeitig verlassen!

Die Mißstimmung, die damals in Rußland herrschte,kam während der Konferenz durch Angriffe gegenmeinen russischen Kollegen und die russische Diplo-matie in den russischen Blättern zum Ausdruck.Seine deutsche Herkunft und katholische Konfession,sein Ruf als Deutschenfreund und der zufällige Um-stand, daß er sowohl mit dem Grafen Mensdorff wiemit mir verwandt ist, kamen den unzufriedenenKreisen zustatten. Ohne eine hervorragende Persön-lichkeit zu sein, besitzt Graf Benckendorff doch eineReihe von Eigenschaften, die einen guten Diplomatenkennzeichnen: Takt, gesellschaftliches Geschick, Er-fahrung, verbindliches Wesen, natürlichen Blick fürMenschen und Dinge. Er war stets bestrebt, eineschroffe Stellungnahme zu vermeiden, und wurdedurch die Haltung Englands und Frankreichs auchdarin bestärkt.

Ich sagte ihm später einmal: Die Stimmung inRußland ist wohl sehr antideutsch? Er entgegnete:Es gibt aber auch sehr starke und einflußreiche pro-deutsche Kreise, man ist aber allgemein antiöster-reichisch, sehr antiösterreichisch!

Es erübrigt sich, hinzuzufügen, daß unsere Austro-philie ä outrance nicht gerade geeignet war, dieEntente zu lockern und Rußland seinen asiatischenInteressen zuzuführen.

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