Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
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Sir Edward Grey

Sir Edward Greys Einfluß war in allen Fragen derauswärtigen Politik nahezu unbeschränkt- Zwar sagteer bei wichtigen Anlässen:I must first bring it beforethe cabinet", doch schloß dieses sich seinen Ansichtenregelmäßig an. Seine Autorität war unbestritten. Ob-wohl er das Ausland gar nicht kennt, und außer einerkurzen Reise nach Paris niemals England verlassenhatte, beherrschte er alle wichtigen Fragen durchlangjährige parlamentarische Erfahrung und natür-lichen Überblick. Französisch versteht er ohne es zusprechen. In jungen Jahren in das Parlament gewählt,hatte er bald angefangen, sich mit Auslandspolitik zubefassen. Unter Lord Roseberry parlamentarischerUnterstaatssekretär des Auswärtigen, wurde er 1906unter Mr. Campbell-Bannermann Staatssekretär undbekleidet diesen Posten nunmehr seit zehn Jahren.

Aus einer alten im Norden Englands begütertenFamilie stammend, die bereits den bekannten Staats-mann Earl Grey geliefert hatte, schloß er sich demlinken Flügel seiner Partei an und sympathisierte mitSozialisten und Pazifisten. Er übertrug die Theorieauch auf sein Privatleben, das sich durch die größteEinfachheit und Anspruchslosigkeit auszeichnet, ob-wohl er über reichliche Mittel verfügt. JedeReprä-sentation" liegt ihm fern. Er hatte in London nur einkleines Absteigequartier, gab niemalsDinners, außerdem einen amtlichen im Foreign Office zu Königs Ge-burtstag. Wenn er ausnahmsweise einige Gäste beisich sah, so war es zu einem einfachen Essen oderFrühstück in ganz kleinem Kreise und mit weiblicherBedienung. Auch mied er große Geselligkeiten undFeste.

Das week-end verbringt er, wie seine Kollegen,regelmäßig auf dem Lande, doch nicht mit eleganten,

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