Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
143
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in London , nebenbei gesagt, vortreffliche Beamte,haben etwas freundlicher über mich geurteilt wie derjunge Werther über seinen Chef im Winter 1771/72.

Klagen über die Diplomatie sind nicht neu, wennsie auch seit dem Zusammenbruch unserer Auslands-politik im Sommer 1914 besonders laut wurden. Gehtetwas nicht nach Wunsch oder gar schief, so ist natur-gemäß nur dieDiplomatie" daran schuld, der manschon längst das hohe Gehalt, die vielen Diners undOrden und die bevorzugte Stellung mißgönnt. Zudemhat gar mancher Diplomaten verschiedener Länder ge-kannt, die mehr durch Äußerlichkeiten und gesell-schaftliche Talente glänzten als durch tiefgründigesWissen oder bemerkenswerte Klugheit, Herren, derenInteressen sich im wesentlichen auf Hofklatsch,Diners, Placements und höchstens noch auf Bridgebeschränkten.

Carl Schurz gibt in seinen Lebenserinnerungen an-läßlich seiner Madrider Mission eine humorvolleSchilderung seines Antrittsbesuches bei einem Kol-legen, von dessen langjähriger Erfahrung amspanischen Hofe er wertvolle Einblicke in die dortigenVerhältnisse erwartete und manches zu lernen hoffte.Statt Aufschlüsse über politische Fragen zu geben,über die der Gesandte anscheinend nie nachgedacht,enthüllte er mit geheimnisvoller Wichtigkeit den In-halt einer silbernen Kassette und zeigte die Orden, dieer zu verschiedenen Zeiten von Kaisern und Königenempfangen, und erklärte, warum der Orden ihm ver-liehen und welche Auszeichnungen er bedeute.

Auch ich entsinne mich meines ersten Besuchesals junger Geschäftsträger an einem mittleren Hofebei dem damaligen Doyen des dortigen Corps diplo-matique, einen alten Junggesellen, der einen südlichenKleinstaat vertrat. Zwar sprach er mir nicht von Po-