.f V-
nicht vor prinzipiellen, sondern vor praktischen Rück-sichten. Die Forderungen des Augenblicks halfen ihmüber alle Bedenken, die die Scheu, am Bestehendenzu rühren, damals vielleicht noch mehr als heute inden Weg stellte. Die Macht der Gewohnheit undweitverzweigte persönliche Interessen, die sich an dasHergebrachte knüpfen und durch jede Umgestaltunggrausam zerrissen werden, bildeten von jeher dasHaupthindernis für notwendige Wandlungen.
Der Krieg nun und namentlich die neuen Schulden,deren Höhe sich vorläufig wohl noch ebensowenigübersehen läßt wie ihre Verzinsung und Tilgung, habendie Zentralisierung gefördert, eine neue Lage, neueAufgaben und Probleme erstehen lassen, deren Be-deutung alle anderen Rücksichten erdrücken wird, zuderen Bewältigung die bisherigen Grundlagen unseresöffentlichen Lebens nicht mehr ausreichen. Schonheute ist das Reich im Pfandbesitz von etwa einemDrittel unseres ganzen Nationalvermögens. Und Besitzbedeutet Macht, und wirtschaftliche Fragen habenvon jeher den Ausschlag gegeben im Leben desVolkes. —
Vielleicht gehen wir dann auch einer Demokrati-sierung der Diplomatie entgegen. Wird es ihr zumVorteil gereichen? Oder wird sie gar ganz ab-geschafft? Einstweilen aber würde ich einem jungenFreunde sagen, der alles Erforderliche besäße, nurkeine irdischen Glücksgüter: „Werde was du willst,nur nicht Diplomat; das ist nicht der Weg, der zu ge-sicherter, unabhängiger Lebensstellung führt. Manmuß sie mitbringen!"
155