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1 (1927)
Entstehung
Seite
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es sei denn dieGedanken und Erinnerungen, sichmit den vorliegenden vergleichen ließen. Man fühltdie Nähe eines großen und edlen Mannes, und wirwissen, daß auch damals beide Eigenschaften nichtimmer vereinigt waren! Der ungewöhnliche Wert desWerkes liegt aber namentlich in der mutigen undschonungslosen Darlegung gewisser Irrtümer, dieschließlich zur großen Katastrophe geführt haben, diewir erlebten, und in der freimütigen Kritik der Miß-griffe des ersten Kanzlers, den General v. Schweinitzwie kaum ein anderer verehrte, und dessen Wohl-wollen er hauptsächlich seinen Aufstieg zu verdankenhatte. Wenn heute das Dogma von der außenpoliti-schen Unfehlbarkeit des Meisters zu dem Glaubens-bekenntnis gewisser Kreise gehört, und wenn häufigjeder Zweifel daran als eine Verletzung nationalerPietät betrachtet wird, so zeigen doch die vorliegen-den freimütigen Darlegungen, daß die Wurzeln derKatastrophe bis auf jenes Zeitalter zurückreichen,in dem die Entfremdung mit Rußland , dieschließlich zum Weltkrieg geführt hat, und vor derHerr von Schweinitz dauernd warnte, bereits ihrenAnfang nahm.

Schweinitz begriff vollkommen, daß die Anlehnungan Rußland die wichtigste Grundlage unserer Groß-machtstellung war, er wußte, daß die Erhaltung deszaristischen Systems, es mochte sein, wie es wollte,unseren Interessen entsprach, er sah auch, daß dieebenso undankbare wie schikanöse Haltung des Dik-tators in den 70er und 80er Jahren zu einer gefähr-lichen Spannung führte, er verstand aber nicht,daß wir zwischen Rußland und Österreich optierenmußten, und daß ein Zusammengehen mit beidenunmöglich war. Seine streng konservativ-legitimisti-sche Einstellung führte ihn zu einer Überschätzung des

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